Freitag, 25. Januar 2013

Servicewüste Deutschland

Also, das war so: ich hatte mir im Baumarkt eine Digitalwaage gekauft, nichts Dolles, eine „Venus“ für 29,90 €, dafür aber konnte sie nicht nur das Gewicht anzeigen, sondern auch den Körperfettanteil, die Schuhgröße, die Uhrzeit, die Körpertemperatur und den Intelligenzquotienten. Das fand ich ganz cool. Ich habe die Waage an der Kasse bezahlt, wurde noch gefragt, ob ich den Einkaufsbeleg möchte, was ich dankend abgelehnt habe, weil es nur eine Waage und damit in meinem Beruf nicht steuerlich absetzbar war und habe das Teil mit nach Hause genommen. Bis hierher banal.

Gleich bei der Erstbesteigung habe ich allerdings zu meinem Unwillen bemerken müssen, dass zwei Digitalstellen der Gewichtsanzeige fehlten. Die waren nicht da.

Wenn man bei einer Digitalanzeige so schräg guckt, dann sieht man ja, ob da im Rohzustand Achten stehen. Wenn da also vier Achten stehen, dann sind alle Digitalanzeigen vom Grundsatz her vorhanden und darstellbar. Theoretisch. Ich hatte aber bei den letzten beiden Stellen tatsächlich nur zwei E´s da stehen, was als Anzeige wie 8E,E und am Tag drauf wie 8E,C aussah (gewogen mit Unterhose und Brille). Aber eigentlich wollte ich mich wiegen und kein Algebra machen.

Nun könnte man ja sagen, „hey ThiloS“ könnte man sagen, „denk Dir die fehlenden Zeichen doch einfach dazu“, aber wenn ich eine Hochgeschwindigkeitswaage von „Venus“ für satte 29 €uronen und 90 Centinen kaufe, dann will ich dafür auch vier Digitalachten kriegen und nicht nur zwei. Das ist so ein prinzipielles Ding. Außerdem stand auch nicht auf der Packung „zahl vier Achten und bekomme nur zwei“. Stand nicht drauf, ich habe extra noch einmal nachgeguckt.

Nun hätte ich die Waage gerne zurückgegeben, umgetauscht, gewandelt, gemindert, was auch immer der Gesetzgeber vorsieht, sofern man einen Kassenzettel hat. Hatte ich nicht.

Es war also klar, was kommen würde. Ich würde zum Baumarkt gehen, die unwägbare Waage vorlegen, die Ladendunsel würde eine Quittung verlangen, die ich nicht vorlegen könnte, sie würde sich natürlich weigern, die Dreckswaage umzutauschen, ich würde sie sehr laut beschimpfen müssen, was der Baumarkt für ein Saftladen wäre, so einen Müll zu verkaufen, sie würde mit der Polizei drohen, ich würde lautstark den Geschäftsführer verlangen, sie würde zwei Mitarbeiter aus der Garten- und Baustoffabteilung rufen, die würden mich unterhaken und ´rausschmeißen, ich würde dann meinen Rechtsanwalt aufsuchen und den Baumarkt und den Waagenhersteller wegen Betruges anzeigen und wir würden die Bänder der Überwachungskamera zwecks Beweisaufnahme meines legalen Einkaufs anfordern, der Baumarkt würde eine Gegenanzeige wegen Hausfriedensbruch starten und mir außerdem ein lebenslanges Hausverbot für die Sanitärabteilung erteilen und in letzter Instanz würde ich vor dem Europäischen Gerichtshof zu meinem Recht kommen – spätestens, nachdem ich an die Verbraucherschutzministerin geschrieben hätte. Mit mir nicht!

Nun, ein guter Schlachtplan ist bereits ein halber Sieg. Am Abend laufe ich also in Hochstimmung und Kampfbereitschaft in jenem kleinen sympathischen Baumarkt ein, steuere kerzengerade auf die Information zu, knalle die Waage auf den Tresen und spreche „Geht nicht. Die Digitalanzeige ist unvollständig. Ich will das Ding umtauschen. Hab ich am Freitag hier gekäuft!“

Natürlich reagiert die Informationsschalterfrau wie erwartet: „Haben Sie den Kassenzettel?“

Na klar. Ich wusste es. Das wird jetzt hart werden. Ich fixiere sie aus zusammengekniffenen Augen, das macht Eindruck. „Nein“ sage ich „den habe ich weggeschmissen. Was machen wir jetzt?“

Ich meine, ihr eine Spur Agressivität anzusehen. Sie sagt, und ich merke ihr da bereits die Beherrschung an: „Ich mache Ihnen da jetzt einen Musteraufkleber drauf, dann gehen Sie zum Schalter in der Sanitärabteilung und sie bekommen eine neue Waage.“
Aha.

So eine ist das also.

Meint wohl, nur, weil ich keinen Kassenzettel dabei habe, lasse ich mich so einfach abfertigen. Ich wiederhole mich noch einmal langsam, da sie mich anscheinend nicht richtig verstanden hat: „Ich habe aber keinen Kassenzettel.“

„Kein Problem. Gehen Sie einfach in die Sanitärabteilung, die tauschen das um.“

Vielleicht ist sie ja taub oder grenzdebil. Ich gehe auf Nummer Sicher: „Ohne Kassenzettel?“

Sie bleibt aber hart. „Ja, kein Problem, hinten in der Sanitär…“ Ich unterbreche ihren Redeschwall, da sie anscheinend unwillig ist: „Hören Sie, ich habe keinen Kassenzettel, ich kann das nicht so einfach umtauschen. HALLOOOO! Sprechen Sie Deutsch? Verstehen Sie meine Sprache? KEIN KASSENZETTEL. ICH HABE KEINEN VERDAMMTEN KASSENZETTEL!!! NIX DA! ICH HABE NICHT DEN HAUCH EINES BEWEISES, DASS ICH DIESE FORMSCHÖNE NULLNUMMER DA BEI IHNEN GEKAUFT HABE!“

Sie sieht mich irritiert an. Wahrscheinlich gibt es irgendwo ein Baumarkt-Trainingslager, in dem man lernt, mit unzufriedenen Kunden umzuspringen. Aber auf die Tricks falle ich nicht rein! Sie lächelt, wie ich meine, frech: „Ich habe schon verstanden, dass Sie keinen Kassenzettel haben, ich bin weder taub noch grenzdebil. Wir sind der einzige Laden, der diesen Hersteller führt, es ist wirklich kein Problem, wir tauschen die Ware um…“

„Wirklich?“ Ich bin mir immer noch sicher, sie stellt mir eine Falle. Wahrscheinlich tauschen sie in der Sanitärabteilung tatsächlich die Waage um, wenn ich aber aus dem Laden wieder ´raus will, dann steht mir der Baumarktdetektiv gegenüber und verhaftet mich wegen illegalem Umtausch einer Waage. Kennt man ja, die Tricks. Oder ruft „haltet den Dieb, er hat unsere Venus-Waage geklaut“.

Ich fasse die Informationsbarfrau scharf ins Auge: „Und Sie verbürgen sich dafür, dass mir nach dem Umtausch freies Geleit zugesichert wird? Keine Tricks, keine Polizei? Ich kann also in die Sanitärabteilung gehen, die Waage umtauschen und einfach wieder so, mirnixdirnix, ganz unbehelligt aus dem Laden marschieren? Das wollen Sie mir wirklich erzählen?“

Wieder diese irritierte Blick. Wo lernt man das? „Ja natürlich. Kein Problem. Wir legen großen Wert auf zufriedene Kunden. Wollen Sie die Waage jetzt umtauschen oder nicht?“

Eigentlich habe ich zum Umtauschen jetzt so gar keine Lust mehr. Am liebsten würde ich den Geschäftsführer rufen lassen, um ihm mitzuteilen, dass sein Personal überhaupt nicht konfliktfreudig oder wenigstens –fähig ist. Ich möchte nicht wissen, wie viel betriebs- oder gar volkswirtschaftlicher Schaden so im Jahr durch kassenzettellose Warenumtauscher entsteht, nur, weil das Personal konfliktscheu ist. Ob sich meine Info-Frau wohl ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Firma und der Gesamtwirtschaft bewusst ist?

„Na gut, ich riskiere es. Aber eines sage ich Ihnen gleich: Ich mache Sie PERSÖNLICH dafür verantwortlich, wenn das jetzt hier schiefgeht!“

Sie bleibt gelassen: „Guter Gott, vertrauen Sie mir. Gehen Sie nach hinten und tauschen Sie die Höllenwaage einfach um.“ „Aber Sie gehen mit!“ versuche ich einen letzten Widerstand.

Endlich wird sie aggressiv: „Gut, Programmwechsel. Sie bleiben hier stehen und ich tausche die Waage für Sie um. Danach komme ich wieder her, wir testen die Waage gemeinsam, dass sie auch wirklich einwandfrei funktioniert und Sie sind dann hoffentlich zufrieden. Und wissen Sie was? Den Kassenzettel drucken wir Ihnen auch gleich mit aus, damit Sie den auch haben. Wäre das so für Sie in Ordnung?“

„Kassenzettel?“ habe ich geantwortet „den brauch ich nicht“.

Der Notarzt hat dann drei Stunden gebraucht, um mir die Splitter der Venus-Waage aus dem Kopf zu holen. Es lohnt sich eben, wenn man nur hartnäckig genug auf seinem Recht besteht!

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