Donnerstag, 1. Dezember 2011

Schönes schickes neues Diskussionsboard...

...mit Moderatoren, wie man sie sich öfter wünschen würde

www.politikboard.org

Jeder, der da schreibt, ist für sich selbst verantwortlich.

Jeder, der das nicht kapiert, wird zum Spielball der Moderatoren.

Also: macht Euch lächerlich. :D

Mittwoch, 23. November 2011

Weihnachtsmärkte

...weil es passt, habe ich da einen 10 Jahre alten Text ausgegraben - aber irgendwie hat sich wohl seit damals nichts geändert...

Daran erkennt man den Dezember. Selbst beim übelsten Scheisswetter wachsen auf jedem gottvergessenen Marktflecken quasi über heilige Nacht die achso gemütlichen und heimeligen Weihnachtsmärkte aus dem Boden, um uns lieben Christenmenschen einen Hauch vorweihnachtlichen Zauber zu bescheren.

Bei uns im Dörfli hängt über dem heimeligen Weihnachtsmarkt der Duft von Döner und Fladenbrot, weil ganz am Anfang Yussuf seine Dönerholzbude aufgeklappt hat und sich das Odeur von Hammelfleisch mit dem Geruch der benachbarten Fischbude und des Toiletten- wagens mischt. Raucher meiden diesen Eingang aufgrund der Explosionsgefahr. Dafür mag Yussuf Weihnachtslieder. Die Fischerchöre lassens Klinglöckchen klingeln.

Hinter der Fischbude steht wie jedes Jahr die weihnachtliche Dörte mit ihren weihnachtlichen, pädagogisch wertvollen Holzspielsachen mit ungiftigem Farblack und wie jedes Jahr will die keiner haben, aber Dörte hat ein stures Sendungsbewusstsein, wie es nur Alt-Achtundsechziger-Weihnachstbudenbesitzer haben können und kommt jedes Jahr wieder – wie Weihnachten eben auch. Trotzdem ist bei ihr ständig Traffic vorm Stand – und zwar von den Senioren, die es nicht rechtzeitig in die Traube vor „Ottos Filzhausschuhe aus echtem Filz seit 1954“ am Stand nebenan geschafft haben und nun die Wartezeit überbrücken. Hansi Hinterseer (mein Gott, was für ein Name) singt „Stille Nacht“.

Neben Otto steht der unvermeidliche „Kleiner Kaktus wo auf Kieselstein gepflanzt ist“ – Typ in seinem Holzhäuschen und raucht milde Sorte. Die kleinen Kakteen (und nicht „Kaktusse“ und schon gar nicht „Kack-Tusse“) sind aufgereiht wie die Ledernacken bei der Parade und ab und an kommt ein gepierctes Girlie und fragt, wie denn die Kakteen auf den Kieseln befestigt sind. „Geklebt“ brummt dann der Kakteenhändler zurück und das Girlie sagt aha und geht seines Wegs, während Nicole den Kindern droht „morgen, Kinder, wird’s was geben“.

Der Nachbar des Wüstenpflanzenanbieters hat wiederum mehr Verkehr vorm Stand. Er verkauft weihnachtliches Popcorn und weihnachtliche Mandeln und weihnachtliche Gummibären und weihnachtliche kandierte Äpfel und weihnachtliche Zuckerwatte wie das ganze Jahr über auch, aber speziell im dichten Gedränge in den Gässchen macht es einfach Spass zu sehen, wie schnell sich von einem Kind getragene Zuckerwatte über sämtliche Passanten zu verbreiten weiß, sobald Susi in den Strom der vorübergehenden Weihnachtshungrigen eintaucht. Ungefähr so stelle ich mir die Infektion mit Schnupfen vor. Im Nu hat jeder ein Flöckchen Zuckermasse am Hintern hängen – während sich Susis Naschwerk dramatisch verkleinert. Dafür singen die Schlümpfe Kinderweihnachtslieder und ich beginne, Osama bin Laden zu verstehen.

Ein weiteres Büdchen schließt sich an: „Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge“. Nun, da wäre er besser auch geblieben. Hölzerne Engelchen, hölzerne Nussknacker, hölzerne Kerzenständer, hölzernes Holz, eben alles Weihnachtsdeko, auf die man wohl nur im Sozialismus so richtig stolz sein konnte und die gerne von Heimatvertriebenen und DVU-Wählern genommen wird, weil die das a) noch aus ihrer Kindheit in Insterburg kennen und b) das noch deutsche Qualitätsarbeit ist – auch, wenn es sich um OSTdeutsche Qualitätsarbeit handelt. Im Hintergrund spielt die Kapelle des Kampfgeschwaders Richthofen stramm „Ihr Kinderlein kommet“.

Daneben – und zwar völlig daneben – hat Dieter Unruh, der Topfhändler aus dem schönen Münsterland seine Bude aufgeschlagen. Es wimmelt von Töpfen. Grosse Töpfe, kleine Töpfe, Kochtöpfe, Blumentöpfe, Auspufftöpfe – es ist alles da. Für den verzweifelten Ehemann, der am 23sten um 17 Uhr noch ein Geschenk braucht. Auch bei ihm bleiben gelegentlich Hausfrauen stehen, die entsetzt feststellen, dass sich ihr Mann um das 10-fache geirrt hat., als er letztes Jahr den Preis für das wunderschöne Kochset beichtete. Und zu allem Elend gibt’s „stille Nacht“ von der Panflöte gepfiffen.

In der Reihe gegenüber gibt es Kerzen aus Bienenwachs – aber eigentlich will die keiner mehr seit der Erfindung der Elektrizität. Deswegen blättert der Verkäufer ungeniert in einer „Praline“, während einige Jugendliche an den Kerzen schnüffeln, „weil die so gut riechen. Riech mal“. Die Kelly-Familiy jubilot in dulce.

Neben dem Kerzendealer wird es dann endlich weihnachtlich. Überteuerte Christbaumkugeln aus Plastik und Taiwan nebst Girlanden, Sternchen und Lametta, das so ein wenig wie die Düppel aussieht, die moderne Kampfbomber bei Raketenbeschuss abwerfen. Trotzdem ist hier die Hölle los, weil jeder die Weihnachtsglocken sehen will - und zwar die der gutgebauten Verkäuferin, die in der Hitze des Heizstrahlers nur ein weihnachtlich weisses T-Shirt trägt. Und dazu sucht Peter Alexander einen entsprungenen Reis.

Dafür hats nebenan endlich den Glühweinstand. Der Glühweinwirt schwitzt und stinkt, der Glühwein fliest in Strömen und DJ-Ötzi gröhlt im Hintergrund „Gemma Bier trinken“. Ich bestelle 5 Tassen und trinke sie auf Ex. So macht die Vorweihnnnnachsssseit Schpass, Bebi..

Dienstag, 15. November 2011

Nett sein

Ich bin der festen Überzeugung – und ich schließe hier von mir auf andere Menschen – dass der Mensch an sich nett sein möchte. Kein Mensch will ein Arschloch sein und von seinen Mitmenschen gehasst werden. Kein Mensch möchte durch die Gegend gehen und beschimpft werden oder in der Vier-Buchstaben-Zeitung als Depp des Landes ausgezeichnet werden.

Sicher, manchmal kommen Menschen in die Bredouille und können ihre Schulden für den geleasten Porsche oder den Flat-Screen nicht zurückzahlen oder müssen für ihre Bank staatliche Hilfen beantragen, so etwas kommt schon mal vor, aber vom Grundsatz her macht das ja niemand gerne und mit Absicht. Ich will daran glauben.

Aber es wird einem manchmal auch schwer gemacht.

Neulich beispielsweise, da stehe ich in der Bäckerei in unserer Fußgängerzone, bestelle einen Kaffee, ein Hörnchen und die oben genannte Postille und da fragt mich die Bäckereifachverkäuferin, ob ich noch etwas Süßes probieren möchte.

Nun stehe ich sexuellen Avancen jetzt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber und weil sie noch diesseits der 40 zu sein scheint, sage ich leichtsinnigerweise: „ja“.

Zu meiner Enttäuschung reicht sie mir einen kleinen Teller mit irgendeinem dubiosen Backwerk, in dem Zahnstocher stecken, über den Tresen und blickt mich erwartungsvoll an. Ich nehme mir ein Teilchen und beiße in etwas, das verdächtig nach Schaumstoff mit Ammoniaküberzug schmeckt. Wirklich wirklich übel. Schauderhaft. Ekelig.

„Und?“ fragt sie erwartungsvoll und, wie ich meine, auch ein wenig stolz.

Tja nun. Am liebsten würde ich ihr das Zeug vor die Bäckereifachverkäuferinnenfüsse kotzen, aber dann ist sie beleidigt und hasst mich und vielleicht verklagt sie mich wegen Mobbings oder macht sich aus Kummer sogar weg. Möchte ich nicht.

Lieber lächle ich und sage „prima, schmeckt gut!“. Doof und nett, wie ich bin.

Sie lächelt zurück. „Das freut mich, das hat unser Lehrmädchen heute gebacken. Das sind ihre ersten Amerikaner.“ Ach Du scheiße… Jetzt trage ich auf meinen breiten Schultern auch noch die Verantwortung für die berufliche Reputation der Bäckerazubine… Ganz toll!

„Soll ich Ihnen welche einpacken?“ fragt sie tückisch.

Nein, eigentlich mal lieber nicht, ich hasse das Zeug, es ist ein Backwerk aus der siebten Vorhölle und den chemischen Errungenschaften der Hermann-Göring-Werke, aber ich stehe jetzt zwischen Baum und Borke, zwischen „Sie, ich habe Sie angelogen, das Zeug ist widerlich und ein berechtigter Grund für eine amerikanische Kriegserklärung“ und meinem Seelenfrieden.

„Diät“ lächle ich und klopfe auf meinen Bauch. „Ist kaum Fett drin“ tröstet sie mich.

„Ich habe es eilig“ entgegne ich. „Ich kann es einpacken, während Sie Ihren Kaffee trinken“ bietet sie mir an.

Ich habe nicht genug Geld dabei“ sage ich und klopfe mir aufs Portemonnaie. „Ach, kein Problem, ich runde gerne den Betrag auf Ihren 20,- € Schein, mit dem Sie gerade bezahlen wollten, auf“ bietet sie mir netterweise an.

Also gut, wenn sie keine eindeutigen Nicht-Verkaufssignale versteht, dann muss ich wohl deutlicher werden: „Na gut, dann packen Sie mir Fünf Stück ein“ höre ich mich gegen meinen Willen sagen und mein Magen macht vor Ekel einen kleinen Salto rückwärts.

Sie freut sich, guckt mich verschwörerisch an und sagt „da gebe ich Ihnen noch extra einen dazu“ und verpackt sechs Schaumstoffteilchen mit Ammoniakaroma, zieht den Betrag von meinem Wechselgeld ab und reicht mir stolz die Tüte über den Tresen. „Guten Appetit“ wünscht sie mir und wahrscheinlich sehe ich sie gerade an, wie jemand guckt, dessen Hund soeben überfahren wurde, denn sie widmet sich dem nächsten Kunden, der gerade hereingekommen ist.

Ich stelle mich an eines der Stehtischchen da und beobachte, wie mein Nachfolger „etwas Süßes“ probiert und angeekelt das Gesicht verzieht. „Schmeckt widerlich“ sagt er ganz direkt.

Und verlässt den Laden mit drei Krapfen und einem Stangenweißbrot, der unhöfliche Drecksack, der sich soeben 3,50 € für Schaumstoff und ein gutes Gewissen gespart hat.

Was bin ich so froh, dass ich so nett bin. Und so ein Idiot. Ich darf gar nicht drüber nachdenken…

P.S. Ich habe die Amerikaner meiner Mutter zum Kaffee mitgebracht, die ist über 70 und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Sie hat mir später erzählt, dass das Zeug widerlich war und sie es weggeschmissen hat. Auch unhöflich und unnett.

Mittwoch, 2. November 2011

Stadtbummel durch Buda

Manchmal, wenn mein Konto ein bisschen überläuft, mache ich eine Städtereise, um mich weiterzubilden und fremde Länder, Menschen und Gerüche kennenzulernen.

Natürlich würde diesbezüglich auch eine Fahrt nach Offenbach am Main genügen, aber weil ich das schon kenne, bin ich dieses Jahr nach Budapest gereist.

Budapest ist, wie man weiß, die unverhältnismässig große Hauptstadt eines verhältnismässig kleinen Landes, nämlich Ungarn und trägt auch die Bezeichnung "Paris des Ostens", ich schätze, weil es in beiden Städten die gleich große Menge an Hundescheisse gibt.

Der Ungar selbst ist sehr gastfreundlich, aber nur dann, wenn er einen anderen Ungarn zu Gast hat. Was Touristen angeht, begegnet er denen mit unangemessener Arroganz, was auch der Grund sein dürfte, warum jeder Eroberer dieses Landes gesehen hat, dass er das Teil schnell wieder los wird.

Ungarn selbst blickt auf eine wechselvolle 1000-jährige Geschichte zurück, als die Ungarn, damals noch unfähig, selbst einen Staat auf die Beine zu stellen, ins pannonische Becken einfielen, die dortigen Bewohner kurzerhand abmurksten und anschliessend den anderen Nachbarstaaten durch räuberische Einfälle gehörig auf den Sack gingen und wer je in einer mitteldeutschen Fußgängerzone stundenlangen Bettelkonzerten ungarischer "Touristen" zuhören musste, der weiß, dass sich bis heute daran nichts geändert hat.

Die ungarische Sprache selbst wurde von Gott augenscheinlich als letztes vergeben, da die meisten Buchstaben schon aus waren und nur noch s,c,z und ein ganzer Haufen von ´ zu haben waren.

Wir benötigen aber dieses historische Vorspiel, um die Ungarn und speziell Budapest zu verstehen.

Budapest besteht eigentlich aus zweieinhalb Städten, nämlich Òbuda, Buda und Pest. Ursprünglich wollten diese Städte nichts voneinander wissen, aber seit der leichtsinnige Graf István Széchenyi 3 Tage auf eine Fähre warten musste und deswegen auf die wirklich revolutionäre und völlig neue Idee kam, eine Brücke über die Donau zu bauen, bekamen die Ungarn tatsächlich bereits im Jahre 1849 (nur 900 Jahre nach der Besiedlung jener Städte) eine Brücke, die die Stadtteile verband. Seitdem fahren die Ungarn über die Donau, um sich gegenseitig zu beschimpfen.

Buda ist der älteste Stadtteil und ist auf einem Hügel erbaut, von dem Hügel gegenüber haben die Ungarn - Thema Gastfreundschaft - ihren ersten Missionar, den heiligen Gellért, in einem mit Nägeln gespickten Fass sehr zur Freude der Umstehenden herunterkullern lassen, weil er Ausländer war. Heute steht an der Stelle sein Standbild und guckt auf die Donau, womit wir das erste Wahrzeichen und auch gleich den Hauptexportartikel der Ungarn bis zum Spätmittelalter abgehakt hätten, nämlich originelle und besonders grausame Foltermethoden.

Budapest ist die einzige Stadt, die mit heroischen Standbildern von im Rest Europas zu Recht völlig unbekannten Ungarn geradezu gespickt ist, so treffen wir auf dem Burgberg beispielsweise auf das Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf, der dort in einer prächtigen Husarenuniform grüsst. Bekommen hat er das Standbild für eine typisch ungarische Grosstat: während die Preussen im 7-jährigen Krieg nicht zu Hause waren, war er mit seiner Reiterei in Berlin eingefallen, hat einen Sack Damenhandschuhe erobert und ist wieder abgehauen, bevor die Preussen zurückkamen. Ansonsten hat er jede Schlacht mit einem ernstzunehmenden Gegner verloren.

Der Hauptzugang zur Altstadt ist jedoch das Bécsi kapu, von dem man einen wunderbaren Blick auf den "Burger King" Richtung Moszkva tér hätte, wenn keine Häuser im Weg stünden. So kann man jedoch immer noch eine prima Telefonzelle sehen, wahrscheinlich eine der letzten in ganz Europa, da sich das Mobilnetz von Ungarn ungefähr auf dem Stand von 1942 befindet.

Von dort aus gehen wir am Geburtshaus Gezá Bedáks (dem Erfinder der sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Drehtür) vorbei zum Militärmuseum, in dem sich interessante Zeugnisse aller ungarischen Niederlagen befinden und in dem es von Italienern wimmelt, die sich freuen, dass es ein Volk gibt, das noch mehr Kapitulationen auf dem Buckel wie sie selbst hat. Immerhin aber können die ungarischen Kinder dort echte Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg befingern, wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machen, wer weiss, wann sie sich mal wieder besiegen lassen wollen.

Von Museum aus folgen wir der Úri utca. vorbei am Geburtshaus von Károly Búnzky, dem Entdecker der Buchdruckkunst, der zeitlebens daran litt, dass es keine ungarischen Bücher gab, die er hätte drucken können, weiter an der Deutschen Botschaft entlang (die beiden Angestellten finden Sie in der Regel hinten im Hof beim Rauchen, wenn sie nicht gerade beklauten Touris Geld für die Rückflucht leihen) hin zum oben genannten Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf. Dort wenden wir uns links, nicht ohne zwischendurch im berühmten und berüchtigten Ruszwurm cukrászda eine Gerbeaud-Schnitte (ein Süßgebäck, das einem die Rosette zusammenzieht) widerlich gefunden zu haben und dessen Inhaber entweder von unzufriedenen Eroberern erschlagen wurden oder an Zuckerkrankheit starben.

Jetzt befinden wir uns dann auch schon auf dem Szentháromság tér, wo wir von japanischen Touristen umzingelt werden, die ihre Stadtpläne verkehrt herum halten. Ich könnte jetzt ein paar Worte über die Kirche da verlieren, aber wir wenden uns jetzt zuerst einmal nach links in die Országház utca, die wahrscheinlich nach einer weiteren Pappnase mit einer sinnlosen Erfindung benannt wurde und laufen, vorbei am Geburtshaus von Tibor de Hevesy (dem berühmten ungarischen Chemiker, der die Essbarkeit von Styropor bewies) bis zum Ende, wo die Mária Magdolna Kirche (benannt nach Mária Magdolna, der zu Unrecht vergessenen zweiten Ex-Freundin von Johánnez Tauferisz) oder vielmehr ihr Rest steht, weil die Ungarn zu faul waren, das Teil nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.

Jetzt gehen wir, vorbei am Geburtshaus von Zoltán Fázekas (dem berühmten ungarischen Torwart, der die traumhafte Zahl von 16 kassierten Toren - in einer Halbzeit - hält), rechts die Fortuna utca wieder hinunter, in der sich das einzige Hotel in Europa befindet, in dem die Gäste für Übernachtungen auch noch bezahlt werden (und das trotzdem nie ausgebucht ist), seit dort der erste Fall von Schweinegrippe in Europa bekannt wurde.

Schon befinden wir uns auf dem Hess András tér, benannt nach dem zweiten Buchdrucker, aber dem ersten Buchdrucker, der ein ungarisches Buch druckte.
Und pleite ging, weil keiner die Schwarte kaufen wollte. Hier stand vor Zeiten ein Dominikanerkloster, das jedoch von den Dominikanern fluchtartig verlassen wurde, als sie bemerkten, dass sie in Ungarn gelandet sind. Dafür hat der ungarische Architekt Béla Pinter hier das Hilton hingebaut und es wäre sicher ein prima Hotel geworden, wenn er vorher die Reste des Klosters weggeräumt hätte. So aber stehen dessen Trümmer heute in der Hotellobby herum und allen im Weg und man hört öfter mal das Scheppern von zerspringendem Geschirr, wenn mal wieder eine Bedienung über ein aus dem Boden ragendes Säulenkapitel gestolpert ist.

Hier steht auch die von dem ungarischen Bildhauer József Damkó geschaffene Statue von Papst Innozenz XI., die eigentlich den heiligen Petrus zeigen sollte, aber aufgrund der Unfähigkeit des Bildhauers schliesslich mit dem Papst assoziiert wurde, dem sie am ähnlichsten sah.

Vor uns ragt nun die Mátyás templom empor, vor der immer noch die japanischen Touristen stehen, deren Reiseführer ihnen gerade erzählt, sie stünden vor Notre Dame. Hier fanden die Krönungszeremonien von Károly Róbert, Ferencz Jozeph I. und Karoly IV. statt, sämtliche Könige unterlagen übrigens in den von ihnen geführten Kriegen. Sie ist deshalb auch unter dem Namen „Krönungskirche der Verlierer“, aber auch "Verkérszhindérnisz" bekannt.

Davor sehen wir Richtung Donau die sogenannte "Fischerbastei", eine eigentlich extra zu touristischen Zwecken erbaute Aussichtsplattform, deren Name an die tapferen Fischer erinnert, die während der Türkenbelagerung die Burg als Letzte verliessen - schlicht, weil sie von den kopflos fliehenden ungarischen Truppen vorher nicht durchgelassen wurden.

Hier beschliessen wir auch unseren vormitternächtlichen Rundgang für heute im berühmten Litea Könyvesbolt és Teázó bei einem guten Glas Tokajer, was um so schwieriger ist, weil das Litea Könyvesbolt és Teázó ein Buchladen ist, der um diese Zeit schon geschlossen hat.

Samstag, 8. Oktober 2011

Beim Friseur

Ich bekenne mich schuldig. Ich gehe gerne zum Friseur. Man sitzt da nett in einem Stuhl, bekommt einen Kaffee und manchmal ein Stück Kuchen und wenn man, wie ich, Angst vor Schönheitsoperationen hat, dann auch noch nebenbei einen hübschen und meist schmerzlosen Haarschnitt des Resthaupthaares. Und ein Gespräch kriegt man auch. Vom Friseur.

Ich glaube, es war Theodore Roosevelt, der gesagt hat: „Ich bin sehr glücklich, in einem Land mit derart fähigen Männern zu leben, die wissen, wie man die Weltwirtschaftskrise löst, die Staatsverschuldung senkt und den Haushalt ausgleicht. Leider sind alle diese Menschen mit Haareschneiden und Taxifahren beschäftigt“.

Nun, letzte Woche war ich mal wieder bei meinem persönlichen Friseur. Der kann Haare schneiden wie Gott persönlich und ist außerdem homosexuell, was zwei Grundvoraussetzungen für eine lange, intensive und haarige Geschäftsbeziehung sind.

Und ich hatte schlechte Laune und wollte einfach nur einen Haarschnitt und meine Ruhe. Das ist nun aber kein Ding meines Friseurs. Also nicht das mit dem Haarschnitt, sondern das mit der Ruhe. Und dann fragt er mich, wie es mir geht.

Es geht mir schlecht. Ich habe heute Morgen massiv einen Vorgang verbockt, mein Ältester hat einen Sechser in Physik abgeliefert, die Mittlere ihre Periode gekriegt und der Jüngste einem Mitschüler einen Nasenstüber verpasst, sodass der andere Knabe blutete und wir einen Anruf von der Schule bekamen. Mein Konto ist überzogen, deswegen ist meine Frau am Maulen und jenes eine Muttermal an einer sehr intimen Stelle sieht etwas seltsam aus. Mein Tag ist gelaufen und all das geht meinen Friseur einen Scheißdreck an.

Er soll mir heute bitte nur „einmal Haare schneiden mit ohne Gespräch“ und die Klappe halten.

Jetzt kann ich ihm aber das nicht sagen und außerdem meint er es ja nur nett und vielleicht schneidet er mir sonst ein Ohr ab, aus Rache und weil er es kann und weil ich da mit einem Ganzkörperschlabberlatz völlig wehrlos in seinem Stuhl sitze.

Also ändere ich meine Taktik und sage „ach, ich knoble den ganzen Tag schon an einer Formel herum, die die Ausdehnung der Zeit im Universum erklären und damit Zeitreisen möglich machen könnte“.

„Aha“ sagt er und schnippelt und ich denke mir, dass das soeben ein vortrefflicher und ziemlich cleverer Mannstopp war.

„Die Zeit…“ sagt er nachdenklich und schneidet ein paar Haarspitzen.

„Du siehst die Zeit als linear an, gell?“ *schnippschnipp* „ganz klassisch: gestern, heute, morgen“ *schnippschnapp* „hast Du Dir schon mal überlegt, dass das falsch sein könnte?“

Nanu? Mein Friseur, das Physik- und Philosophiegenie?

„Wie meinst Du das?“ frage ich ihn neugierig.

„Najanaja…“ *schnippschnipp* „ich erzähle Dir ja nichts Neues. Vielleicht liegt ja Heisenberg im Grunde doch falsch, wenn er behauptet, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Möglicherweise stimmt ja die Unschärferelation zwischen Energie und Zeit nach der heisenbergschen Definition nicht“ *schnippschnipp* „Dass die Zeitunschärfe Delta t angeblich nicht als statistische Streuung definierbar sein soll, da die Zeit in der Quantenmechanik angeblich nur ein Parameter und kein Operator sein soll, halte ich für gewagt und nicht der Weisheit letzter Schluss.“

Schnippschnapp und die Nackenhaare fallen.

„…und nur, weil er behauptet, dass Delta E Delta T größer ungleich H ist, muss das noch lange nicht richtig sein…“ Er macht sich ans Haupthaar *schnipp*

Ich gestehe, dass ich das Gespräch in diesem Moment geistig verlassen habe, da ich von Quantenmechanik weniger Ahnung als das Meerschweinchen meiner Tochter habe, aber mein Friseur ist jetzt so richtig in Fahrt.

„Die haben dem Typen dafür den Nobelpreis verliehen, aber meinst Du, irgendjemand käme mal auf die Idee, Zeit nicht als lineares Modell, sondern als Kugel zu betrachten?“ *schnippschnipp*

Nein, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber ausgerechnet vor meinem verdammten Friseur werde ich mich jetzt nicht als quantenphysischer Laie outen.

„Ehm, das ist interessant“ sage ich, damit ich überhaupt etwas sage.

„Und dann diese geradezu unglaubliche und stümperhafte Behauptung, ein Teilchen in einem endlichen Intervall Delta X größer Null erfülle die Standardabweichung für den Impuls in der Ungleichung Omega P Delta X größergleich pi Intervall (und da gilt das Gleichheitszeichen frecherweise nur für die Cosinusfunktionen), dazu gehört schon eine gehörige Portion Arroganz und Chuzpe, das so zu formulieren, ohne auch nur einmal ansatzweise einem viel logischeren Gedankenansatz zu folgen! Aber das kommt eben dabei raus, wenn man Impulsmengen nur an den Teilchen misst, die im Intervall Delta X sind.“

*Schnippschnipp*

„Und dann stellt sich ein Blender wie Nils Bor auch noch hin und ist sich nicht zu blöde, in der Kopenhagener Interpretation Quantenmechanik nicht nur als nichtreal, sondern auch noch als nichtlokal zu bezeichnen. Und das nur, weil angeblich der Zustandsvektor eines quantenmechanisch Systems gleichzeitig überall die Wahrscheinlichkeitsamplituden festlegt.“ *schnipp*

„So“ sagt er „fertig“. Er hält mir einen Spiegel hinter den Kopf, damit ich das Werk in meinem Nacken bewundern kann. „Du solltest Deine Theorie also dahingehend noch einmal überarbeiten“ sagt er auch. Und fragt: „isses so recht?“

Ja, so ist es recht und schön geschnitten und außerdem hat er nebenbei soeben die Quantenmechanik auf den Kopf gestellt. Ich gehe an die Kasse, zahle, lege noch zwei Euronen in die Trinkgeldbox drauf und frage ihn, ob er meinem Sohn wohl Nachhilfe in Physik geben könnte.

„Physik?“ fragt er mich erstaunt „Sehe ich so aus, als würde ich mich damit auskennen?“

Nein, tut er nicht. Er sieht einfach nur wie ein unschuldiger homosexueller Friseur aus. Ich gehe und werde ihn das nächste Mal fragen, was er meint, wie die griechische Schuldenkrise gelöst werden könnte.

Ich kann noch viel von ihm lernen.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Ver-applet

Ich erinnere mich noch an Zeiten, ´s ist noch gar nicht so lange her, so ca. 4 Wochen, da war das Leben noch in Ordnung. Wenn ich morgens ins Büro gegangen bin, dann habe ich mich hingesetzt, meine Assistentin zum Kaffee holen geschickt (wozu bezahl ich die, wenn nicht dafür?) und dann den Computer angemacht.

Oh welch süße Entschleunigung. Da sitzt man nun, ganz in die Welt versunken, den Tag noch vor sich, während sich auf dem Bildschirm aus vier Farben eine Spirale bildet, die schließlich auf den Mittelpunkt des Bildschirms hin rotiert und sich dort zu einem kleinen Fenster zusammensetzt.

Danach bildete sich ein kleiner rotierender Ring, das Zeichen, dass mein Rechner irgendetwas arbeitete (neben der Kaffeemaschine) und dann dauerte es nur drei Minuten bis unter Glockengekäute und Fanfarenschüssen mein Desktop zu sehen war. Windows war fast betriebsbereit und harrte treulich meiner Eingaben.

So war es und sollte ich je meine Biographie schreiben, dann ginge ein Kapitel mit „warten, bis Windows das System gestartet hat“ drauf.

So war es und hätte es bleiben können, wenn mich ein überraschender Regenguss nicht in einen sogenannten „Apple-store“ getrieben hätte.

Apple kennen Sie vielleicht. Immer wenn Sie jemandem erzählen, dass sie einen neuen Computer gekauft haben, dann wird er fragen, ob es ein Apple ist und wenn sie mit „nein“ antworten (wie 80% der intelligenten Lebewesen auf diesem Planeten), dann wird er sie mit Vorwürfen überhäufen, warum Sie sich auf ein so antikes System verlassen und sein Mac wäre tausend Mal besser und überhaupt wäre Bill Gates ein mieser Ausbeuter und der Sohn Satans und Steve Jobs hingegen der Erlöser, der uns von der Knute von Microsoft, dieser elektronischen Pest befreien würde und außerdem hätte der Krebs gehabt und Sie sollen zur Hölle fahren, weil Sie Windows auf dem Rechner haben.

Das ist Apple und das sind seine Kunden.

Und weil ich gerade triefend nass in einem Laden stehe, der Apple verkauft, stricher ich so ein wenig herum. Und da liegt es. Funkelnd. Schön. Glänzend. Das I-Pad. 64 Gigabyte, in schwarz, vollverchromt mit spiegelndem Display. 500 Gramm und 799,- € schwer. Ich kann mein Gesicht sehen, in dem Display. Das ist es also. Das Flagschiff von Apple, das die Konkurrenz das Fürchten lehrt.

Ich kenne natürlich das I-Pad. Jeder Dödel aus Politik und der Versicherungsbranche hat heute so ein Teil. Und niemand – wirklich niemand – weiß, warum er das hat. Ich habe sie gefragt, die I-Pad-Halter. Ich habe sie gefragt: „wozu braucht man das“?

Nun ist in unserem kapitalistischen System die Frage, wozu man einen Gegenstand braucht, völlig irrelevant. Es geht einfach nur darum, dass man einen Gegenstand HAT. Ob der sinnvoll ist oder nicht, das ist völlig egal. Viele Sachen braucht man nicht, bevor man sie dann hat. Ich weiß das auch. Und komme mir bei solchen Fragen immer vor wie ein Hufschmied im beginnenden 20sten Jahrhundert, der meint, dass sich das Auto niemals durchsetzen wird, weil Pferde günstiger sind und die Armen sowieso sich keines leisten können.

Und weil ich jetzt bei Apple dumm herumstehe, frage ich einen der gegelten Verkäufer eben, was denn ein I-Pad so kann. And here are the results.

Aufgemerkt. Aaaalso: Sie können Ihre Musik immer mitnehmen. Das ist toll. Sie können sie, und das ist der eigentliche Knaller, sogar hören, wenn niemand da ist, den Sie damit stören. Allerdings können Sie das auch mit ihrem Handy oder, wenn Sie ihre Sachen aus den 80ern noch haben, Ihrem Walkman.

Sie können aber auch damit fotografieren. Das ist cool, wenn Sie keine Kamera haben. Allerdings kauft sich niemand, der keine Kamera hat, ein I-Pad, sondern eben eine Kamera. Und dann können Sie die Bilder auf dem I-Pad jemandem zeigen. Wenn er sich dafür interessiert und nicht einschläft.
Sie können auch Präsentationen zeigen von irgendetwas, wenn sie gerade kein Prospekt von Ihrer Firma dabei haben.

Sie können sich aber auch Bücher und Zeitschriften herunterladen und sogar lesen, wenn sie gerade kein Buch oder keine Illustrierte dabei haben.
Sie können aber auch – das finde ich besonders pfiffig – eine Illustrierte in der Buchhandlung Seite für Seite abfotografieren und erst dann lesen. Fragen Sie mich nicht, ob das sinnvoll ist, die Hauptsache ist doch, dass das geht! Wenn Sie einen geduldigen Buchhändler haben, der drauf steht, durch die elektronische Konkurrenz Pleite zu gehen.

Sie können Filme gucken. Wenn Sie die drei Stunden herunterladen und gerne blind werden möchten, weil das Display dann doch arg klein für sowas ist.
Und dann gibt es da die sogenannten „Apps“. Apps sind kleine Bildchen, die sinnlose Anwendungen starten.

Wenn Sie also sich in ihrer eigenen Stadt nicht auskennen, dann drücken Sie auf ein App und bekommen alle Bankautomaten angezeigt. Und mit einem anderen App, ob es sich lohnt, da hin zu gehen, weil zufällig Geld auf Ihrem Konto ist.

Wenn Sie irgendwo hin fahren möchten, dann drücken Sie auf ein App und das zeigt ihnen die Route, die Ihnen dann Ihr Beifahrer vorlesen kann, wenn sie einen haben. Ansonsten können sie ohne Beifahrer nichts damit anfangen, denn sie können das Ding nicht auf den Lenker legen. Oder sie prägen sich die Route dank Ihres fotografischen Gedächtnisses ein, hätten dann aber eigentlich kein I-Pad dazu gebraucht.

Sie können auf dem beigefügten Kalender auch Ihre „kritischen Tage“ sehen, wenn sie eine Frau sind. Wenn Sie ein Mann sind, dann wissen Sie wenigstens, wann sie länger in der Kneipe bleiben können und können dann mit einem anderen App den Barcode der Biere scannen und so herausfinden, was der Wirt im Einkauf dafür bezahlt hat. Das ist toll, nutzt Sie aber auch nichts, weil Sie den Verkaufs- und nicht den Einkaufspreis zahlen.
Sie können Ihre emails empfangen. Das ist toll, weil Sie jetzt nicht mehr nur im Büro mit spam-mails bombardiert werden, sondern auch im Cafe, am Strand oder auf dem Klo. Wenn das jetzt nicht einen echten Nutzen hat, dann weiß ich es auch nicht.

Zu guter Letzt können Sie auch Spiele spielen. So Zeug wie Sudoku oder Sie können sich über das Internet das Bild eines „Snickers“ herunterladen, wenn es mal wieder irgendwo länger dauert.

Das ist toll.

Ich frage den Verkäufer, ob ich damit auch telefonieren kann. Nein, kann ich nicht, das geht nicht.

Dann frage ich ihn, wozu ich das alles brauche und er glotzt mich ein Mondkalb.

Dann sagt er ganz langsam: „ich habe diesen Laden hier, weil ich Frau und Kinder ernähren muss“ und so ein Argument zieht bei mir, weil es meine soziale Ader anspricht und ich lasse mir ein I-Pad einpacken.
Seitdem gibt es keinen Ladebalken mehr.

Ich drücke auf „on“, das I-Pad ist sofort da und betriebsbereit und ich sehe rechts oben die Uhrzeit und links oben, ob ich ein Mobilnetz habe.
Das reicht mir dann auch als Information und ich schalte das Ding wieder aus.

Den Hauptgrund für ein I-Pad habe ich aber erst jetzt, wo ich eines habe, entdeckt: man kann damit durch die Gegend laufen und angeben. Denn ein I-Pad-Träger hat ein wunderbares Schild unter dem Arm:

„Seht her, ich kann mir ein sinnloses Elektronikspielzeug leisten. Ich gehöre zur Mittelschicht“.

Freitag, 16. September 2011

Nanu? Da fehlt doch was?

Stimmt.

Die Geschichte über Tattooträger habe ich eingestampft. Sie hat mir so und in dieser Form nicht gefallen. Und ich stell doch nichts ins web, das ich selbst doof finde!

Donnerstag, 8. September 2011

Tante Anke und die Wahrheit

So mit sechs-sieben Jahren, da fand ich Tante Anke ziemlich cool. Das war Anfang der 70er, Tante Anke war 23 Jahre jung, schwarzhaarig, hatte eine ziemlich verrückt eingerichtete Wohnung und roch immer leicht süßlich, aber gut, und war so ziemlich das schwarzhaarigste Schaf der Familie.

Sehr viel später erkannte ich den süßlichen Geruch wieder, als vor meiner mündlichen Prüfung eine Kippe herumging, die bei uns Azubis eine Viertelstunde später zu einer recht gelassenen und ausgelassenen Stimmung in der Prüfung führte.

Tante Anke, soviel wusste ich noch, machte beruflich "irgendwas Soziales" und ich kann mich bis heute nicht restlos des Verdachts erledigen, dass sie eine sehr persönliche und sehr serviceorientierte Art von "Altenpflege" im Frankfurter Bahnhofsviertel praktizierte...

Wie auch immer, man hat sich irgendwann mal aus den Augen verloren, Tante Anke heiratete, liess sich scheiden und heiratete noch einmal, einen farblosen Buchhalter, nett, aber unbedeutend und bekam zwei Kinder. Gelegentlich sah man sich auf größeren Familienfesten, dann war sie mal ziemlich böse krank und heute sitzen wir auf der Hochzeit meines anderen Neffen (kein Kind von ihr) zusammen und wie der Zufall es will, sitzt sie neben mir.

"Na, und? Wie geht es Dir?" fragt sie. Danke, es geht mir gut, das Geschäft läuft flott, meine Kinder sind weder krank noch behämmert und wir sind gesund. So, wie es sein soll.

"Ist das Dein Auto, der Schwarze da draußen?" Ja, ist es. "Ganz schön protzig" findet sie.

Und hätte ich gewusst, wie sich dieses Gespräch weiter entwickelt und wäre ich vielleicht auch etwas intelligenter und diplomatischer, dann hätte ich mich jetzt dafür entschuldigt und mich woanders hingesetzt. Aber ich habe es verbockt, für mich war Tante Anke immer cool.

Stattdessen antworte ich Idiot: "Mag sein. Aber ich kanns mir leisten".

Ich hätte jetzt gedacht, Anke lacht, weil sie mich ja immerhin seit ein paarundvierzig Jahren mehr oder weniger kennt.

Falsch gedacht.

"Ziemlich arrogant" sagt sie. Und "wegen Leuten wie Dir stirbt die Ozonschicht" sagt sie auch.

Ganz offen gesagt hat mein Diesel einen Russpartikelfilter neuester Bauart, während ihr abgefuckter 3er Golf bestenfalls einen nicht funktionierenden Katalysator hat. Und ich sage Ihr das mit dem Russpartikelfilter, den Teil mit dem abgefuckten Golf lasse ich weg.

"Ich bräuchte so ein großes Auto nicht, um glücklich zu sein" reibt sie mir als Antwort unter die Nase.

Alter Verwalter.

Ich brauche das verdammte Auto auch nicht, um glücklich zu sein, aber ich finde es geil, die Karre zu haben und außerdem ist es mir scheissegal, was Tante Anke braucht, um glücklich zu sein.

"Dir gehört es ja auch nicht" gebe ich immer noch freundlich zurück und stelle voll Entsetzen fest, dass ich mich mit "es ist halt einfach schön, mit dem Teil in den Urlaub zu fahren, weil wir da eben Platz für die Familie haben" zu allem Überfluss auch noch rechtfertige.

"Ach Ausreden" putzt sie mich ab "was muss man denn überhaupt mit dem Auto in den Urlaub fahren? Das geht auch mit der Bahn und ICH kann es mir auch zu Hause gemütlich machen. Dazu brauche ich nicht weg."

Aha.

Doch, ich muss im Urlaub weg, um die Tante Ankes dieser Welt hinter mir zu lassen, aber das kann ich nicht sagen, weil es doch eine Familienfeier und alles so schön harmonisch ist und Tante Anke doch mal so eine coole Sau war.

Stattdessen sage ich entschuldigend "naja, wir fahren ja nicht sooo weit, mal in die Berge oder an die Ostsee..." "Ostsee?" unterbricht sie mich "Was will man denn DA? Da ist doch nichts."

Mittlerweile habe ich mein drittes Glas Wein hinter mir. Ich bin ein paarundvierzig Jahre alt, habe keine Drogen genommen und nicht meine Mumu jubeln lassen. Ich habe einen guten Job, ein nettes Geschäft mit netten Mitarbeitern, Einnahmen, die deutlich über der Beitragsbemessungsgrenze liegen und absolut keine Lust und keinen Bedarf, mich von einer Ex-Dope-Nutte mit Haarausfall und einem verpfuschten Leben belehren zu lassen. Zumal sie die Ostsee ja wohl nur von der heimischen Couch aus kennt, weil sie da ja so glücklich ist, die dumme Nuss.

"Doch" sage ich "da ist es sehr schön. Rostock zum Beispiel, ein wunderschönes Hafenstädtchen..." "...voller Neonazis" packt sie dazu.

Ja klar. Ich fahre mit der Familie nach Rostock wegen der Neonazis, die ich da besichtigen kann, Du dämliche Flanschkuh.

"Nein, im Ernst. Uns gefällt es da. Und ich habe da auch noch keine Neonazis gesehen." "Ja, weil Du nicht mit offenen Augen durch die Welt gehst. Aber naja, wenn Du meinst, ich brauch das nicht."

Nein, Tante Anke braucht eigentlich einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf, denke ich mir und nehme Wein Nummer 5 in Angriff.

"Du hast auch ganz schön zugelegt" teilt sie mir zusammenhanglos mit.

Ja, habe ich, deswegen habe ich im Gesicht auch nur halb so viel Falten wie sie an ihrem runzligen Arsch, aber ich darf das nicht sagen und muss nett sein. Ich halte einfach die Klappe und kippe Wein Nummer sieben. Und acht.

Aber Tante Anke lässt nicht locker.

"Zuviel Essen ist ungesund und Du kannst davon krank werden. Herzkrankheiten, Gefässkrankheiten, Herzinfarkt..."

...und ich höre mich mit schwerer Zunge sagen: "ich bin hier bei einer Hochzeit und nicht auf einem medizinischen Symposium. Und ich frage mich, wie scheisse eigentlich ein Leben gelaufen sein muss, das einen Menschen dazu bringt, andere permanent zu bewerten, zu belehren, zu beschnuddeln und zu bevormunden. Du warst einmal eine hübsche junge Frau und ich fand Dich schon mit sieben sexy und heiss und total cool. Es mag sein, dass Dir das Leben nichts geschenkt hat, aber Du hast dem Leben auch nichts geschenkt und ihr seid quitt, Du und das Leben. Du bist heute nur noch eine vertrocknete alte Kuh, voller Bitterkeit und Neid auf andere, die sowohl die Kontrolle über ihre Geschlechtsteile als auch über ihr Leben hatten. Es ist mir sowas von völlig scheissegal, ob Du auf Deiner 80er-Jahre-Couch die glücklichste Fernsehzuschauerin der Welt bist und es ist mir wurstegal, ob Dir mein Auto oder meine Urlaubsziele gefallen. Du bist der erste Mensch, den ich persönlich kenne, der zwar schon tot, aber noch nicht beerdigt ist. Was ist los mit Dir? Wann hast Du beim Rettungsring dicht daneben gegriffen?"

Sie schaut mich entsetzt an: "Du bist betrunken".

"Mag sein - aber ich habe Dich nie nüchterner gesehen" gebe ich zurück.

Sie springt auf, schnappt sich ihre Handtasche und verschwindet auf der Toilette. Ich nutze die Gelegenheit, packe Frau und Kinder zusammen, murmle dem Hochzeitspaar eine fadenscheinige Entschuldigung zu und haue in meinem protzigen rußpartikelgefilterten Ostseetaxi ab.

Ich wurde viel später gefragt, was ich eigentlich zu Tante Anke gesagt hätte, weil sie auf dem Klo unheimlich geheult hätte und mich dann als "blödes Arschloch" bezeichnet hätte.

Ich habe dann die Schultern gezuckt und gesagt: "Ich weiss es nicht mehr, aber ich schätze, es war die Wahrheit".

Dienstag, 6. September 2011

Ich bin ein Volksverhetzer

...zumindest, wenn es nach "Waldbewohner", dem Betreiber der Site "Deutschland-erwache-schlaf-nicht-laenger.blogspot.com" geht.

Denn der hat mich wegen dieses Artikels ---> Afghanischer Heiratsmarkt wegen "Volksverhetzung" angezeigt.

Nun finde ich es ja grundsätzlich begrüßenswert, wenn rechte Antisemiten "aufRECHTE Bürger mit einer nationalen und patriotischen Meinung, die eine differenzierte Sichtweise des Holocaust haben" sich läutern und plötzlich ihr großes Herz für afghanische Burka-Trägerinnen entdecken (kein Wunder - bei den scharfen Schnitten, die ich da präsentiert habe), allerdings hätte ich dann anstelle von Düsterwaldbewohner vor einer derart haltlosen Anzeige rechtlich möglicherweise bedenkliche Inhalte meines eigenen blogs gelöscht. Das wäre speziell in diesem Zusammenhang nicht unclever gewesen. Finde ich. Jetzt isses aber zu spät.

Der Kriminalbeamte, der meine Aussage zu Protokoll genommen hat, sieht das lustigerweise genauso.

Immerhin habe ich jetzt wenigstens etwas mit Henryk M. Broder und anderen Kabarettisten und Satirikern gemeinsam. Das ist doch was!

Die Leser dieses kleinen sympathischen blogs dürfen sich schon auf wortreiche und natürlich vollkommen ehrliche Statements freuen, wenn Kamerad Waldmeister sich der Zugriffe von dieser site auf sein blog gewahr wird.

Ich wünsche hierbei viel Vergnügen, Ihr werdet da glashart erfahren, welch furchtbarer Mensch und gar schröcklicher "sittlicher Abschaum" ich bin!

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Neue Schwestersite: http://www.halbbildung.blogspot.com/

Freitag, 26. August 2011

Mittwoch, 10. August 2011

Was bringts?

Neulich sitze ich so im Büro und blättere so in meinem Visitenkarten herum (wer zum Teufel war „Versicherungen und Aloe Vera Markus Schipkowski aus Hinterndrüsen“ und warum habe ich von dem Vogel eine Visitenkarte?) und da fällt mir das Kärtchen von Ilka in die Hand, die jetzt bei „Hair-Solutions Limited Edition“ als „Key account customer client relationship“-Dingenskirchen arbeitet.

Woher ich DIE Karte habe weiß ich. Ilka war so mit 17/18 meine Freundin, damals schon extrem launisch und ziemlich neben der Spur und eigentlich schon 1984 ein Fall für den Psychiater, der ihr heute ein erstklassiges Borderline-Syndrom attestieren würde. Ich fand sie nach drei Monaten einfach nur anstrengend und außerdem hing ich zu sehr am Leben.

Auf jeden Fall hatten wir uns vor zwei Jahren auf dem Stadtfest getroffen und da hat sie mir ihr Kärtchen in die Hand gedrückt. Dann sind wir zusammen Mittagessen gegangen, es war nett und das war es dann.

Und weil mir gerade langweilig ist und ich mich nicht mit Markus in Hinterndrüsen am Deich treffen will, denke ich mir, „Thilo“ denke ich mir, „ruf doch mal die Ilka an“.

Ilka von „Hair-Solutions Limited Edition“ geht auch gleich ans Telefon, relationshipped mich, ja hallo und ich frage artig, ob Sie mal wieder mit mir essen gehen will.

Und sie gibt zur Antwort: „was soll das bringen?“

Tja.

Gute Frage, nächste Frage.

Früher, als ich es noch nötig hatte, hätte ich ihr jetzt dank meines überragenden Intellekts sehr klipp und klar dargelegt, warum es sehr sinnvoll wäre, mit mir essen zu gehen, denn ich hätte bezahlt, wir hätten beide unseren Hunger gestillt, ein bisschen von den alten Zeiten geschwätzt und vielleicht spaßeshalber ein wenig geflirtet, so, wie sich das für zwei anständige Mitvierziger mit leichtem Übergewicht gehört. Einfach so. Das hätte es gebracht.

Ich habs aber nicht mehr nötig, denn im Grunde ist mir Ilka so egal wie ein Baumstumpf in der Lüneburger Heide. ´s wär halt einfach nett gewesen. Aber wenn sie Krieg will, den kann sie haben…

„Hmm“ mache ich ins Telefon „eigentlich hast Du Recht. Ich dachte mir eben, vom Grunde her gehen wir miteinander essen, dann fahre ich Dich mit meinem Auto durch die Gegend, wir hören dabei etwas romantische Musik von früher, knutschen anschließend am Flussufer, dann fahren wir zu Dir und schlafen miteinander, Du wirst dann schwanger, bringst aber aufgrund Deines, seien wir offen und ehrlich, doch schon etwas fortgeschrittenen Alters ein behindertes Kind auf die Welt, für das ich dann zahle, übrigens nebst dem Unterhalt für meine Frau und die anderen Kinder, weil die sich spontan scheiden lässt, ich bin ruiniert und begehe nach einem dreiviertel Jahr Selbstmord, weil mich die Alimente umbringen und Du hockst daheim und lebst von Sozialhilfe, weil Du Dich den ganzen Tag ums Kind kümmern musst und keine Customer-Clients keyaccounten und relationshippen kannst. So war der Plan.“

Zuerst sagt sie „oh“.

Dann sagt sie „klingt gut“.

Dann sagt sie „morgen beim Mexikaner um 13 Uhr, zieh frische Unterwäsche an“.

Dann legt sie auf.

Die Frau macht mich nach wie vor wahnsinnig. Vielleicht werde ich sie morgen um 13 Uhr töten. Nach dem Essen.

Gibt es einen Mexikaner in Hinterndrüsen?

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Neue Schwestersite: www.halbbildung.blogspot.com

Freitag, 29. Juli 2011

Neue Schwestersite

Für alles, was mich jetzt nicht direkt betrifft, gibt es jetzt praktische Lebenshilfe unter

Halbbildung

Mittwoch, 27. Juli 2011

Widerstand jetzt!

Ich bin Deutscher.

Ich bin da nicht sonderlich stolz drauf, ich schäme mich aber auch deswegen nicht. Neben meiner Haar- und Augenfarbe ist es das Einzige. für das ich nichts kann. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater ist Deutscher und ich bin in Deutschland geboren. So isses eben.

Deutsch sein ist gar nicht so schlecht. So habe ich, genetisch gesehen, einige fantastische Eigenschaften, die jetzt zum Beispiel Engländer nicht haben. Ich kann auf jeden Fall einen Elfer verwandeln (erst recht, wenn ein Engländer im Tor steht) und, wäre ich Ingenieur, könnte ich Super-Autos bauen oder den Katalysator, den Düsenantrieb oder den Genozid erfinden oder große Weltlitertaur schreiben, wäre ich ein besserer als nur ein mittelmässiger Schriftsteller, denn schliesslich bin ich Dichter und Denker.

Und ich bin noch etwas anderes.

Als Deutscher bin ich brav und ordentlich.

Ich hätte das selbst nicht vermutet, denn mein Schreibtisch sieht aus wie Berlin ´45 und ich finde, dass ich ein über den Stuhl geworfenes Hemd auch morgen noch in die Wäsche werfen kann und dass ich das nicht gleich machen muss.

Gemerkt habe ich dieses "deutsche Gen" ganz stark vorgestern. Da war es nachts um 1/2 12 und ich war der einzige Mensch auf der Strasse, auf dem Weg zum Parkhaus.

Und da steht dann diese Fußgängerampel.

Die ist rot. Für die Fußgänger.

Und ich bin Fußgänger.

Die Strasse ist nicht sonderlich breit und man kann sie locker nach links und rechts 200 Meter einsehen. Kein Auto ist da. Wäre da nicht die Ampel, ich könnte entspannt über die Strasse gehen. Nichts wäre ungefährlicher. Eher würde ich bei einer Kerner-Talkshow vor Aufregung sterben, als dass mich da jetzt im Moment ein Auto überfährt.

Aber es ist rot. Rot bedeutet Stehen, Grün bedeutet Gehen. Es ist rot. Rot bedeutet Tod. So habe ich das als Kind beigebracht bekommen. Und nur einmal SPD gewählt.

Es wäre wirklich kein Problem. Es sind keine Zeugen da, es ist keine Kamera da. Niemand würde es bemerken, wenn ich jetzt frech über die Ampel marschiere. Ich könnte gehen.

Aber ich bin Deutscher.

Ein Deutscher vor einer roten Ampel.

Die haben ja die Ampel nicht zum Spass dahin gestellt. Das ist eine gefährliche Stelle, weil viele Fußgänger, die vom Marktplatz kommen, hier die Strasse überqueren, die gleichzeitig Teil des Innenstadtrings und dementsprechend heftig befahren ist. Ohne die Ampel wäre sicher schon jemand ums Leben gekommen.

Es ist aber auch 23:30 und es ist weder Markt, noch sind Autos zu sehen. Eigentlich also der ideale Zeitpunkt, ein Gesetz zu brechen, sich frei zu machen vom Banne der Obrigkeitshörigkeit und dieses einen deutschen Gens, jetzt oder nie könnte ich subversiv sein und dem Staat eine lange Nase drehen, ich würde einfach bei Rot über die Ampel gehen und es gäbe nichts, was sie dagegen tun könnten.

Wahrscheinlich jedenfalls.

Andererseits kenne ich ja unseren Staat: möglicherweise werde ich bereits von einer Zivilsstreife kameraüberwacht und die lauern nur auf einen falschen Schritt von mir und *zack* klicken die Handschellen und ich komme wegen Widerstandes gegen das Rotsignal von Fußgängerampeln für immer ins Gefängnis, gemeinsam mit Stuerhinterziehern und Kinderschändern. Kennt man ja.

Die Ampel wird grün, ich kann drüber gehen. Aber das ist jetzt eine prinzipielle Geschichte. Ich bleibe vor der grünen Ampel stehen. Eine ältere Dame kommt aus einem Hauseingang, geht über die Strasse und ruft mir über die Schulter zu, da sie mich augenscheinlich für blind hält: "es ist Grün, Sie können gefahrlos drüber". Aber nicht mit mir. "Ich leiste Widerstand gegen das System" brülle ich zurück und sie schüttelt ungläubig den Kopf.

Sie versteht es nicht. Aber ich. Niemand kann mich zwingen, einen Fußgängerüberweg bei Grün zu benutzen. Ich habe gewonnen. Und jetzt bin ich doch ein bisschen stolz auf mich.

Montag, 25. Juli 2011

Aus aktuellem Anlass: das große Islamkritikerlexikon

...gerne auch zum Kopieren und zur Weitergabe

Ausländer, der:
Einwanderer, gegen den der --> Islamkritiker nichts hat, der meist sogar sein bester Freund ist, es sei denn, er ist Moslem, Türke oder Sozialhilfeempfänger. Oder alles drei zusammen.

Bratwurst, die:
wichtiges Kulturgut, von dem der --> Islamkritiker befürchtet, dass es die --> Moslems abschaffen wollen

Demokratie, die:
lästige Gesellschaftsform, in der der --> Islamkritiker Widerspruch findet, beispielsweise durch --> Gutmenschen oder --> Moslems und die deswegen eigentlich abgeschafft gehört

Deutschland:
Land, in dem der --> Islamkritiker lebt und nach eigenem Bekunden so sehr liebt, dass er es am allerliebsten für sich alleine haben möchte oder, wenn schon das nicht geht, er wenigstens nicht mit --> Gutmenschen und --> Moslems teilen will

Differenzierung, die:
Eigenschaft oder Tätigkeit, die dem --> Islamkritiker fehlt und deswegen zwangsläufig zur Vertuschung der --> Wahrheit dient

Gutmensch, der:
lästiger Gegenpart des --> Islamkritikers, meist intelligent, gebildet und sowohl rhethorisch als auch fachlich dem --> Islamkritiker überlegen, weswegen er auch neben dem --> Moslem von dem Islamkritiker leidenschaftlich gehasst wird.

HartzIV, das:
Laut dem --> Islamkritiker die einzige Einnahmequelle eines --> Moslems in --> Deutschland.

Integration, die:
Forderung des --> Islamkritikers an hier lebende --> Moslems, die die perfekte Beherrschung der --> deutschen Sprache in Wort und Schrift, ein Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze sowie die Aufgabe des --> Islams und die Konvertierung wenigstens zum Atheismus beinhaltet und mindestens ein Nobelpreis wäre auch nicht schlecht

Islam, der:
Religion des --> Moslems, für den --> Islamkritiker allerdings eine rückständige Irrlehre und Ideologie, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, beispielsweise durch --> Karikaturen

Islamkritiker, der:
Individuum, das früher an Stammtischen Skat und Schafkopf spielte und dabei dummes Zeug erzählte. Wurde durch die Durchsetzung des Rauchverbots an den heimischen Computer abgedrängt und bildet dort soziale Netzwerke mit der Monothematik --> Islam aus, den der Islamkritiker natürlich ganz furchtbar frauen-, menschen- und demokratieverachtend findet

Karikatur, die:
kleines Bildchen, mit dem der --> Islamkritiker gerne --> Moslems provozieren möchte, um deren --> Integration zu testen

Kultur, die:
das, was der --> Islamkritiker selbstverständlich hat, weil er aus dem gleichen Land wie Göthe und Morzart und Beathoven kommt und die selbstverständlich nicht zur Kultur des --> Moslems passt

Kind, das:
wahlweise Opfer einer Heirat durch einen --> Moslem oder demographische Waffe des --> Moslems, um --> Deutschland zur islamischen Nation umzubevölkern

Komma, das:
feindseliges Satzzeichen

Kopftuch, das:
simple Kopfbedeckung, die für den --> Islamkritiker allerdings ein Symbol für Rückständigkeit und Frauenunterdrückung ist, selbst, wenn es von Audry Hepburn oder Alice Schwarzer getragen wird

Koran, der:
für den --> Islamkritiker ein ganz ganz böses Buch, in dem ganz schlimme Anleitungen zum Töten von Ungläubigen, Heiraten von Kindern und dem Bauen von Sprengstoffgürtel stehen. So eine Art Terrorfibel eben.

Linker, der:
siehe --> Gutmensch

Meinungsfreiheit, die:
hohes Rechts- und Gesellschaftsgut, das der --> Islamkritiker unbedingt verteidigt wissen will - zumindest, wenn es die eigene Meinung ist. Die Meinung Andersdenkender soll möglichst durch "Sperren" im Internet oder deren Wegzug "in die Türkei" eliminiert werden.

Messer, das:
Laut dem --> Islamkritiker das von --> Moslems beliebteste Argument in einer Diskussion

Mohammed, der:
Religionsstifter des --> Islam, für den --> Islamkritiker allerdings ein Päderast und Menschenschlächter, der wenigstens so schlimm wie Hitler war, wenn nicht noch schlimmer

Moslem, der:
Ist für den --> Islamkritiker neben dem --> Gutmenschen das personifizierte Böse. Der Moslem ist für den --> Islamkritiker generell faul, ungebildet, rückständig, ein Messerstecher und Frauensteiniger, weil er als heiliges Buch den --> Koran hat.

Nazi, der:
Radikalislamkritiker, der offiziell vom --> Islamkritiker verachtet wird, aber unter Duldung des --> Islamkritikers dessen Mäppchen begeistert trägt und einmal Speerspitze einer Gegenbewegung gegen die --> Moslems sein soll

Nazikeule, die:
Jedwede Argumentation, die der --> Islamkritiker nicht versteht oder die ihm nicht gefällt

Obsthändler, der:
für den --> Islamkritiker als überflüssig angesehenes Berufsbild, das niemand braucht

Opfer, das:
--> Islamkritiker, der sich --> nazigekeult fühlt

Sarrazin, der:
Gallionsfigur des --> Islamkritikers, so eine Art Stammtischmessias, allerdings weit weniger charismatisch als beispielsweise Jesus. Oder Hitler.

Statistik, die:
Nützliches Instrument, wenn sie die These des --> Islamkritikers stützt, gefälschtes Machwerk der --> Gutmenschen, wenn sie seine These nicht stützt

Tierschutz, der:
Wichtiges Rechtsgut, das der --> Islamkritiker permanent von --> Moslems verletzt sieht, wenn zur Tötung eines Tieres kein Genickschussapparat, Schleppnetz, Jagdgewehr oder Rattengift verwendet wird

Türke, der:
Hauptfeindbild des --> Islamkritikers, weil... weil... weil... die immer so mit dem Messer und so machomässig und überhaupt und weil er --> Moslem ist, herrgottnochmal

Wahrheit, die:
gepachtetes Eigentum des --> Islamkritikers

t.b.c., Ergänzungen und Anmerkungen sind jederzeit willkommen

Donnerstag, 21. Juli 2011

Der arme Nazi

Ein Nazi steht vorm leeren Grab
in dem es einst den Rudolf gab
Stets lag er hier, nun isser fort
Verstreut an unbekanntem Ort

Welchen Kampf soll er jetzt fechten?
Und welchem Toten Kränze flechten?
Wo mag er sein, der "Friedensflieger"?
Und NS-Parteienkrieger?

Wo soll er jetzt noch Lieder singen?
Dem toten "Held" ein Ständchen bringen?
Wer hört jetzt noch die Kampfparolen?
Über Juden, Moslems, Polen?

Für Rudolf enden die Gedichte
Auf dem Friedhof der Weltgeschichte
Und für den Nazi, der da steht
Nun auch die Zeit zu Ende geht

Ein letztes "Heil". Er dreht sich um
Und weint dann bitterlich und stumm

Donnerstag, 30. Juni 2011

Der Sozialkritiker

Gelegentlich hat man das ja. Da gehe ich auf eine Lesung von Laienkollegen anlässlich des „Welttages des Buches“ oder anlässlich des schönen Wetters oder anlässlich einer Beerdigung oder anlässlich garnix. Einfach, weil sie da sind.

Und immer – und ich meine IMMER – tritt einer auf, der sein Frühprosawerk mit den Worten „jetzt kommt was LUSTIGES“ (was dann meist so lustig wie Fußpilz oder ein schwerer Autounfall ist) oder, was ich noch viel schlimmer finde, mit „jetzt kommt was SOZIALKRITISCHES“ ankündigt.

Während ich mich bei den Lustig-Ankündern maximal fremdschäme, haben sich meine „SOZIALKRITISCHEN“ Kollegen mittlerweile meinen leidenschaftlichen Hass verdient.

Zuerst einmal ist die Ankündigung alleine schon eine Unverschämtheit. Das hat was von „wer meinen sozialkritischen Text kritisiert, der ist selbst ja wohl asozial“ oder „wer meine Sozialkritik nicht versteht, der muss automatisch Bonze sein“. Aber nicht mit mir, Kollegen, nicht mit mir. Was sozialkritisch ist, entscheidet nämlich nicht der Schreiber, sondern der Zuhörer. Und ob er sich davon getroffen fühlt.

Der nächste Punkt ist der, dass vor allem die voller Begeisterung „sozialkritischen Textschreiber“ selbst zu 99% der Schicht aller Leute angehören, die staatlich alimentiert werden, weil sie lieber „sozialkritische Texte“ schreiben statt Arbeit zu suchen. Aber man ist sich ja zu schade, für 5,- € die Stunde zu malochen, wenn man lieber einen „sozialkritischen Text“ schreiben und sich damit selbstverständlich als Opfer gerieren kann. Für 5,- € arbeiten nämlich nur Polen und andere, die sich wenigstens noch ein bisschen Reststolz bewahrt haben. Aber für 635,- € netto rührt kein Sozialkritiker den kleinen Finger. Da lebt es sich mit Gutscheinen und Sozialhilfesatz unterm Strich wesentlich besser und lustiger.

Dann ist es immer das Gleiche. Es geht um „die da oben“ und „wir da unten“. STOPP möchte ich dann brüllen.

Ihr wollt Sozialkritik? Könnt Ihr haben: Ich bin weder „oben“ noch „unten“, habe eine 6-Tage-Woche und einen 12 Stunden Tag und kann mir deswegen auch ein wenig mehr leisten, sogar Personal, das ich für mehr als 5,- € die Stunde beschäftige. Allerdings trage ich das volle unternehmerische Risiko, habe mich mehr als der Durchschnitt engagiert und tu das immer noch. Ich glaube fest daran, dass jeder, der will, auch eine Chance bekommt, die er nutzen kann – wenn er nicht gerade alt oder krank oder beides ist. Das ist dann ein anderer Film.

Aber jeder der „sozialkritischen“ Fuzzis, der mir bisher unter die Augen getreten ist und mir dabei seine schlampig ausformulierten Texte unter die Jacke gejubelt hat, hat mir nicht den Eindruck von jemandem gemacht, der gesellschaftliche Solidarität benötigt, sondern eher den Eindruck einer faulen Sau, die eine Solidarität einfordert, die sie selbst nicht bereit ist, zu leisten. Die kriegen von mir auch nix ab. Ich gehe doch nicht arbeiten, um irgendeinen faulen Strick zu alimentieren, der den eigenen Hintern nicht hochkriegt.

Und das trifft ebenfalls auf beide Seiten zu: ich gehe nämlich auch ungern für Bankerboni arbeiten, die Ihre Firma in die Scheiße reiten und zwar die Gewinne privatisieren, die Verluste aber sozialisieren. Oder auf die Welt gekommen sind, um ein leistungsloses Einkommen zu ziehen. Ob das nun HartzIV ist oder eine Aktiendividende aus dem vererbten Kapital ist, ist dabei unerheblich.

Na, können Sie mich noch leiden? Egal. Ich bin mir bewusst, dass es Ausbeutung gibt, aber ich lasse mich gerne von Staat, Reichen, Armen und Dummen ausbeuten, so lange für mich noch genug übrig bleibt. Da habe ich kein Problem mit.

Ungerecht? Ja klar. Das Leben IST nun einmal ungerecht. Ich finde es ungerecht, dass meine Frau essen kann, was sie will, ohne auch nur ein Gramm zuzulegen und mich alleine schon der Blick ins Schokoladenregal des Supermarktes der Adipositas entgegentreibt. Es ist auch ungerecht, dass es Leute gibt, die mit weniger Arbeitsaufwand mehr verdienen als ich. Oder mehr Sex haben.

Ich denke da mal an meinen Rechtsanwalt. Alleine das Klingeln in seiner Kanzlei kostet mich 300 Steine. Da hat der mich noch nicht einmal gegrüßt. Aber ich kenn den Typen halt auch schon seit 30 Jahren. Der hat halt in der Schule ein paar Mal weniger als ich aus dem Fenster geguckt und daher ein klasse Abi geschrieben. Mit dieser Bürde muss ich nun einmal leben.

Wenn mir das nicht passt, dann kann ich ja künftig eben den Blick aufs Schokoladenregal lassen und meine Anwaltsbriefe selbst ausformulieren.

Was ich damit sagen will: jeder hat sein Leben und sein Schicksal selbst in der Hand. Sich in die „sozialkritische“ Opferrolle zu flüchten, mag zwar Balsam für das eigene Versagen und eine gute Entschuldigung für Faulheit sein – es bringt bloß niemanden weiter oder nach vorne. Oder wenigstens dahin, wo er eigentlich gerne wäre.

Ich habe NOCH NIE gesehen, dass nach einer „sozialkritischen“ Lesung irgendeiner aufgestanden ist und gesagt hat „ich schäme mich, dass ich reich bin und werde morgen die Gehälter meiner Angestellten verdoppeln“. Stattdessen saßen die anderen Armen drum herum und haben zustimmend mit dem Kopf genickt. Und? Was hat das jetzt geändert? Goarnix. Es gab nicht mehr Geld, die Gesellschaft hat sich auch nicht geändert, das war einfach nur heiße Luft für die Feierabendrevolution. Ja danke. Wenns wenigstens handwerklich gut gemacht wäre. Aber sogar dazu sind sie zu faul, die „Sozialkritiker“.

Also, liebe Kollegen: weniger Sozialkritik schreiben, dafür bessere Texte schreiben und die verlegen lassen. Den Arsch hochbringen. Und wenn das mit dem Schreiben nicht klappt – tja, dann ist das eben einfach nicht Euer Film. Dann seht wenigstens zu, einer geregelten Arbeit nachzugehen, damit die WIRKLICH BEDÜFTIGEN in diesem Staat auch von Euch unterstützt werden.

Ich habe fertig.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Afghanischer Heiratsmarkt

Willkommen hier bei uns im afghanischen Heiratsmarkt. Wir hoffen sehr, Sie finden hier die Liebe Ihres Lebens oder wenigstens eine gute Frau, die für Sie kocht. Lassen Sie sich von unseren Photos inspirieren und schreiben Sie uns, welche Frau künftig Ihr Herzblatt sein soll. Alle Bewerberinnen sind von uns auf Jungfräulichkeit und Krankheits- oder Parasitenbefall geprüft und sehr sauber, sodass Sie keine Befürchtungen haben müssen, Ihre Frau manchmal in die Öffentlichkeit gehen zu lassen. Und nun: viel Vergnügen!


Fathma (17) ist ein richtiger kleiner Wirbelwind. Sie mag Sonnenuntergänge aus vergitterten Fenstern ansehen, kocht gerne vor Zorn und schminkt sich manchmal heimlich. Ein echter Volltreffer für Männer, die gerne wilde Pferde zähmen.


Wer schaut denn da so frech aus der Ecke? Hülya (19) ist Deine Frau, wenn Du sie beschäftigen kannst. Hülya putzt, kocht, fegt, schneidert und kann auch selbständig und ohne Anleitung Installations-, Mauer- und Flieselegearbeiten ausführen. Sie weiss, wie man einen Sprengstoffgürtel füllt und wo feindliche Patrouillen ihre Wege nehmen. Eine patente Frau der Praxis und ein Kracher für Männer, die gerne Häuser bauen und für die Freiheit kämpfen. Und sterben.


Ein Leben für die Literatur! Lystera (16) ist der eher schüchterne Typ, auch wenn ihr Bild das genaue Gegenteil zu sagen scheint. Sie liest gerne und viel, aber selbstverständlich nur im Koran. Eine fromme Frau für einen frommen Mann. Lystera kann sämtliche Suren auswendig und rückwärts aufsagen und ist die ideale Begleiterin für Sitzungen der LoyaJirgah. Einfach Lystera vor dem Eingang abstellen, ihr ein Tablett mit Gebäck und Tee in die Hände geben und der Neid aller Stammesfürsten ist Ihnen sicher!


FREIZÜGIGKEIT ist für Merhaba (24) kein Thema. Eine Frau, die gerne zeigt, was sie hat. Vor allem Ihnen. Eine starke Frau. Eine emanzipierte Frau. Eine Frau, die gerne auch einmal die Finger frei und öffentlich zur Anschauung bringt. Eine Frau, die wie geschaffen für Sie ist, wenn Sie für Freiheit und Freizügigkeit eintreten. Wenn Sie dafür nicht eintreten, kann Merhaba trotzdem Ihr Hauptgewinn sein. Sie verträgt Stockhiebe wie keine Zweite und hat auch vor Schlägen mit einer Hundepeitsche fast keine Angst. Eine Frau für emanzipierte Männer oder solche, die keine emanzipierten Frauen mögen.


Unser Überraschungspaket der Woche: Hürbürga (67) ist für Dich da und unterhält Dich, wenn Du sie oder ihn - man weiss es nicht - mit etwas Schmackes trittst. Dann erfindet Hürbürga Geschichten über den Satan USA, wahlweise auch den Satan Europa oder den Satan Satan. Hürbürga mag nicht mehr der Kracher im ehelichen Schlafgemach sein, aber das macht sie durch durchtriebene Erfahrung und knallharte Propaganda wett. Eine Frau oder ein Mann, die/der der Mittelpunkt jeder LoyaJirgah oder gerne auch jeder Steinigung oder Hinrichtung ist. Hürbürga ist immer mittendrin, statt nur dabei. Neben seiner/ihrer Tätigkeit als persönliches Sprach- und Blasrohr Allahs kocht Hürbürga für Dich und was sie an "Kinderkriegen" nicht mehr schaffen kann, macht sie als Zuhälter/in ihrer/seiner 17 Töchter mehr als wett. Eine echte Bereicherung für Männer, die das Besondere lieben!

Donnerstag, 21. April 2011

In 14 Tagen ist auch noch ein Tag

´s ist ja manchmal im Leben so: man startet morgens den Motor des geliebten Familienfahrzeugs und dann macht es statt „rnnnn“ einfach nur „krk“.

Nun, jeder normale Kraftfahrer weiß, dass es ein sehr ungutes Zeichen, zumal bei einem etwas betagteren Familienkutschenwagen, dessen in die Sitze eingebrannten Kekskrümel von mehreren Kindern die ursprüngliche Musterung der Polster in die surrealistische Gedankenwelt eines verrückten Innendesigners verwandelt haben, ist, wenn der Motor nur „krk“ und nicht „rrnnn“ macht. Das bedeutet, dass man, entgegen der landläufigen Meinung, eher das Auto als die Ehefrau wechseln muss.

Da ist es dann schön, wenn man ein warmes Polster bei einer freundlichen Bank hat, die lächelnd das Darlehen für ein niegelnagelneues Auto bewilligt, natürlich nicht ohne vorher drei Bankbürgschaften, den Erstgeborenen und den Verzicht auf die eigene Seele gefordert zu haben.

Ich schnappe Frau und Kinder und wir gehen „Autos gucken“. Und tatsächlich, bereits im 23sten Autohaus werden wir fündig. Meiner Frau gefällt das Heck und die Kühlerhaube, die Inneneinrichtung und das Interieur, der Preis, die Gangschaltung, das zu tankende Benzn und auch die Marke gefällt ihr. Mir gefällt, dass ich nicht noch in das 24ste Autohaus muss und hätte ihr an dieser Stelle auch einen Traktor gekauft, Hauptsache, wir bringen das endlich hinter uns. Es wird ihr Auto, also wird sie es sich sorgfältiger als ihren Ehemann aussuchen. Ist ja auch eine Wertanlage.

Mit dem Verkäufer sind wir uns schnell handelseinig und wir bekommen sogar noch zwei Fußmatten, einen Kuli und eine Tüte Bonbons dazu, unterschreiben den Kaufvertrag und können schon nächste Woche das Auto abholen, hurra.

Leider allerdings hat der Hersteller in der nächsten Woche Betriebsferien, mitten im Februar, und deswegen dauert es noch zwei Wochen länger, allerspätestens aber Anfang März.

Gut, drei Wochen kommen wir auch mit einem einzigen Auto zurecht, wir teilen uns eben die Fahrten. Als ich Anfang März anrufe, ist leider in Japan eine Springflut gewesen und ein Atomkraftwerk explodiert. Der Zulieferer, der die Komponenten für die Metalliclackierung liefert (was immer das sein soll), klaubt im Moment die Reste seiner Firma aus den Trümmern und schaut nach überlebenden Mitarbeitern, sodass das locker Mitte März wird.

Während wir uns bis Mitte März den Zweitwagen der Schwiegereltern leihen, der leider 12 Liter Super auf 100 Kilometer schluckt, wird der Verkäufer krank und niemand kann uns sagen, warum das Auto nicht da ist, aber man meldet sich in einer Woche wieder, versprochen. Nachdem sich dann 14 Tage niemand rührt und meine Bank Bereitstellungszinsen für das Darlehen kassiert, erfahre ich, dass mein Verkäufer in Urlaub gegangen ist, anscheinend hat er seine Provision schon bekommen, aber er ist in zwei Wochen ja wieder da und kann dann gucken, was mit meinem Auto ist.

Mitte April ist mein Verkäufer, der Herr lobe und preise seinen Namen, endlich wieder von den Seychellen zurück und hat gleich nach seiner Ankunft, quasi noch am Gepäckwarteband des Flughafens, beim Hersteller angerufen und gefragt, wo mein Auto bleibe und er hat gute Nachrichten für mich: das Auto ist bereits in Behindmoonhome in den USA vom Band gerollt. Allerspätestens - also ALLERSPÄTESTENS – wird es Anfang Mai VERSCHIFFT.

Auf meine Nachfrage, warum es bis zur verdammten Verschiffung 14 Tage dauert, erfahre ich, dass in Deutschland die Lokführer streiken, weswegen Ersatzpersonal aus den USA eingesetzt werden muss, was wiederum bedeutet, dass es auf den Strecken in Amerika zu Verzögerungen kommt. Man könne zwar auch mit dem Auto zum Hafen fahren, aber ich wolle sicher keinen Gebrauchtwagen mit 2000 Kilometern auf dem Buckel kaufen und es sind ja auch nur 14 Tage und danach dauert es noch 7 Tage und *schwupps* schon ist das Auto bei mir. Außerdem könnten wir wirklich froh sein, schließlich haben in Japan die Metalliclackierungkomponentenhersteller Heim und Hof verloren und ich muss nur ein paar blöde Tage länger warten, bis mein blödes Auto kommt. Das muss man auch mal in der Relation sehen.

Mitte Mai erhalte ich auf Nachfrage die Auskunft, dass ausgerechnet das Schiff mit meinem Auto im Roten Meer von Piraten gekapert wurde. Ich traue mich nicht nachzufragen, wie besoffen ein Kapitän ist, der von New York nach Hamburg den Weg um komplett Afrika nimmt, um in den Suez-Kanal zu kommen. Immerhin geht es mir besser als den japanischen Komponentenklebern.

Anfang Juni, der Sprit und die Bereitstellungszinsen haben mittlerweile einen zweistelligen Prozentsatz des ursprünglichen Kaufpreises erreicht, ENDLICH die erlösende Nachricht. Mein Auto steht in Hamburg am Hafen. Ich solle mir schon mal die Zulassungsnummer von der Versicherung geben lassen, in ALLERSPÄTESTENS einer Woche isser da, der neue Familienfreund.

Und er wäre auch Mitte Juni dagewesen, wenn der Zoll nicht ausgerechnet mein Auto für eine Radioaktivitätsstichprobe ausgewählt hätte. Aber bereits nach einer Woche gibt der Zoll für mein Auto Entwarnung: die Strahlenbelastung ist unterhalb jener Grenzwerte, die man bei täglich 8-Stunden im Röntgenapparat abgreift. Leider steht mein Auto aber jetzt bei der Polizei, weil sie während der Strahlenmessung Heroin in der Verkleidung des Beifahrersitzes gefunden haben. Aber das dauert MAXIMAL 14 Tage, dann ist alles klar.

Gut, kann man nix machen und außerdem jobbt ja meine Frau jetzt auch an der Tanke, damit wir die Benzinkosten und die Bereitstellungszinsen reinkriegen.

Mitte Juli ruft mich mein Händler mit freudigem Jubel an. Der Wagen ist wieder freigegeben und die Lackschäden von der Messung sind auch behoben, sie bauen jetzt endlich das Navigationssystem ein. Auf meine, sicher im Ton etwas unangemessene Nachfrage, warum das VERDAMMTE Navigationssystem nicht schon im Amiland eingebaut wurde, erklärt mir mein Autoverkäufer ruhig, aber bestimmt, dass die Komponentenjapaner nebst Komponentenjapanerfamilien im Moment in Zelten hausen und man das in der Relation sehen müsse.

Mitte August – meine Frau schiebt statt einer Schicht nun Doppelschichten an der Tanke und prostituiert sich gelegentlich – kommt die erlösende Nachricht: das Auto ist da. Beim Händler. Auf dem Hof. Kann besichtigt werden. Während im Hintergrund des Telefonats meine Kinder schon Luftballons zur Feier des Tages steigen lassen wollen, erfahre ich von einem klitzekleinen Schönheitsfehler: der Fahrzeugbrief ist verschwunden. Weg. Fort. Niemand weiß, wo der Fahrzeugbrief ist. Aber, so beruhigt mich mein AutoARSCHLOCH, das ist normalerweise kein Problem. Das Fahrzeug muss nur einfach beim TÜV vorgefahren werden, die schreiben dann einen neuen Brief aus. Er wird da Druck machen, dann ist das ratz-fatz in 14 Tagen über die Bühne.

Ende September erfahre ich, dass mein Fahrzeug nicht beim örtlichen TÜV, sondern beim TÜV in Hamburg vorgefahren werden musste und die haben da bemerkt, dass der Rußpartikelfilter fehlt, deswegen könne das noch etwas dauern. Als ich die Worte „14“ und „Tage“ in den Hörer tropfen lasse, erklärt mir mein Autoverkäufer, dass das aber die ALLERLÄNGSTE Frist wäre.

Inzwischen ist es Dezember, mein Erstfahrzeug habe ich verkauft, weil wir es uns nicht mehr leisten können, als Ersatz gab es Fahrräder und ich habe schon 15 Kilo abgenommen. Teile unseres Hauses haben wir mittlerweile vermietet, um das Darlehen bedienen zu können.

Alle 14 Tage telefoniere ich mit meinem Autoverkäufer, einfach nur interessehalber, um mal zu hören, wo sich mein Auto momentan befindet. Wir haben auf einer Weltkarte die Stationen des Autos markiert und eine wilde Zickzacklinie herausbekommen.

Wir fahren Fahrrad und mein Auto schaut sich die Welt an. So muss das sein. Aber er kommt. In 14 Tagen!

Satan

Mittlerweile müsste ich es ja wissen. Ich habs ja schon vor 10 Jahren hinter mich gebracht und mit Zeugen Jeohovas diskutiert. Aber NEIN, ich bin heute morgen wieder einem Zeugen in die Hände gelaufen und habe prompt wieder mit ihnen, die am Tag des Jüngsten Schnellgerichts zum himmlischen Regierungsparlament gehören werden, diskutiert.

Um es kurz zu machen: die Bibel der ZJ (ACHTUNG: nicht mit „ZDJ“ verwechseln, die sind sich gegenseitig spinnefeind!) ist die einzig wahre und richtige Bibel, die quasi von Gott höchstpersönlich geschrieben wurde, der Rest sind miese Fälschungen und stümperhafte Kopien, die vom Satan inspiriert wurden. Und natürlich hat die Übersetzung der Jehovajungs-Bibel keine Fehler, weil, hey, sie vom HERRN höchstpersönlich ausgewählt wurden.

Nun, das bringt mich schon zu der Frage, warum der HERR nun ausgerechnet die langweiligen und biederen Leute seines Fanclubs mit der WAHREN Bibel bedacht hat.

Wenn ich Satan und seit Tausenden von Jahren eine gewisse Routine in der Verführung der Menschen hätte – ich würde einfach erzählen, ICH sei Gott und würde allen Propheten inclusive Mohammed irgendwelche Fälschungen unterjubeln. Aber sowas von „mit links“ würde ich das machen, da träumte der Führer davon.

Nur mit Sprüchen und ein paar Morden wird man nicht Fürst der Unterwelt. Da muss schon mehr kommen. Subtile Beeinflussung, Lügen mit Langlaufgarantie und Fälschungen, dass es nur so kracht. Satan ist kein Depp, sondern ein ziemlich cleverer und gerissener Geschäftsmann, der genau weiß, worauf seine Kunden stehen. Und wenn es nur die Überzeugung ist, die „richtige“ Bibel zu lesen und später mal die Geschworenenbank beim Jüngsten Gericht zu geben. Eitelkeit war ja auch schon immer eine der Todsünden.

Möglicherweise sitzt ja Satan auch gerade neben mit und gibt mir diese unheiligen Worte ein, damit ich die wahren Verfechter und Zeugen des HERRN ob meiner Zeilen verwirren und vom rechten Pfade abbringen möge.

Andererseits könnte durch mich durchaus ja auch der HERR schreiben, um seine Schäfchen zum Nachdenken zu inspirieren und sie vom fatalen Pfade Satans abzubringen, damit sie sich IHM mehr öffnen.

Man weiß es nicht, man weiß es nicht, was sie sich so einfallen lassen, die himmlischen und höllischen Geschäftsführer. Ich finde das sehr verwirrend und hinzu kommt ja auch noch der sogenannte „freie Wille“, der, wie wir aus neuesten Ergebnissen der Hirnforschung wissen, ja auch nicht so unbedingt frei ist – wobei Hirnforscher bei strenggläubigen und tiefreligiösen Menschen ja sowieso ins Leere greifen würden.

Vielleicht war es tatsächlich Satan, der Kant und Schopenhauer und Freud beim Schreiben über die Schulter schaute und ihnen „bessere das mit dem kategorischen Imperativ nochmal aus“ zuraunte.

Im Grunde glaube ich persönlich ja fest daran, dass Gott irgendwo im Urlaub ist und sich in der Karibik die Sonne auf den Pelz brennen lässt, während Satan irgendwo ein Penthouse-Büro an der Upper-Eastside hat, von wo aus er den Zins neu erfindet und spannende Deals einfädelt.
Um eine Eintrittskarte in die Hölle zu erhalten, muss man schließlich heute nicht mehr mit dem Eigenblut einen Seelenkaufvertrag gegenzeichnen.

Dazu genügt im 21sten Jahrhundert nach Christus ein einfacher Darlehensantrag bei der Hausbank.

Mittwoch, 20. April 2011

Kwatschn

Da gibt es jene Werbung eines weltberühmten deutschen Mobilfunkanbieters. Eine recht ungepflegte – oder nennen wir es freundlich: „unangepasste“ – Mitdreissigerin mit abgerissenen Klamotten – oder, ebenfalls freundlich: „postatomarem Look“ – grinst in die Kamera und erzählt, wie SCHWEINEBILLIG ihr neuer Mobilfunkanbieter ist, während im Hintergrund ein gar niedlich 2-jähriges Kindlein ADHS-krank durch die Kulisse flitzt und dazu „aaa aaa aaa“ macht.

So vom ersten Hingucker denkt man „aha, da guck, das ist die Frauke oder die Birte, die im dreizehnten Semester Psychologie oder Lehramt studiert, weil sie gemerkt hat, dass weder BWL noch Jura noch Medizin ihr Ding ist. Wahrscheinlich wohnt Frauke oder Birte in Berlin-Kreuzberg, 3-Zimmer Altbau, einzige Deutsche im Block, sie malt in ihrer Freizeit oder bastelt Indianderschmuck, den sie auf dem Flohmarkt an unschuldige chinesische Touristen vertickt, um ihr Studium zu finanzieren, weil ihr ihr Alter nach dem 8. Semester Sinologie den finanziellen Saft abgedreht hat.“ Also so eine typisch unangepasste Frau, Grünenwählerin, mit Anti-Atomkraftaufkleber an der Klotür.

Wir erfahren gleich zu Anfang, dass der kleine Störenfried Milena heisst – wie auch sonst. Katja oder Ilse oder Waltraud wäre für Frauke oder Birte ja auch zu angepasst gewesen.
Und wir erfahren – und da wird es spannend – dass Frauke oder Birte und „der Pappa von Milena“ „ziemlich weit auseinander wohnen“ und sie „deswegen bei base mit Pappa ganz schön lange quatschen“ können. So er denn will…

Nun, eine Studentin wird sich kaum einen Werkzeugmacher geangelt haben, der dauernd in China oder Afghanistan beschäftigt ist.

Wahrscheinlich ist wohl eher folgendes Szenario: Frauke oder Birte hat weder Kontrolle über ihr Leben, noch über ihre Geschlechtsteile. Deswegen hat sie irgendwann „nach einer wunderbaren Nacht, in der es nach Revolution, Freiheit und „grünem Libanesen“ roch“ festgestellt, dass ihr „der Pappa von Milena“ ein kleines Souvenir hinterlassen hat, das jetzt schreiend hinter ihr herumrennt.

Nachdem sie „dem Pappa von Milena“ gebeichtet hat, dass er „der Pappa von Milena“ ist, hat sich „der Pappa von Milena“ schneller aus dem Staub gemacht, als ihr das Studentendarlehen gekündigt wurde.

Aber er hat sich nicht weit genug aus dem Staub gemacht, oder er sitzt im Bau. Denn Frauke oder Birte weiß, wo sein Handy wohnt und weil die flat bei base so günstig ist, stalkt sie ihm jetzt per Telefon hinterher und hält ihn bezüglich der Fortschritte von ADHS-Melina und dem Kontostand seiner Unterhaltszahlungen auf dem Laufenden.

Und nicht nur, dass „der Pappa von Melina“ nun das Balg und, im wahrsten Sinne des Wortes, permanent Frauke oder Birte an der Backe hat, nein, er muss mit seinen beiden Super-Frauen auch noch permanent „kwatschn“, wie Melina stolz ihrer starken, alleinerziehenden Mama mit dem verpfuschten Leben bestätigt.

Beschäftigt mich nur noch die Frage, was Klein-Melina „ihr dem sein Pappa von der Melina“ mitzuteilen hat. Ich stell es mir so vor: Pappa von Melina: „Na, Kleines, sag mal was.“ Melina: „…..“ Pappa von Melina: „Halllloooo, hier ist der Pappa, der wo gottseidank so weit weg wohnt…“ Melina: (guckt den Hörer an). Pappa von Melina: „Gib mir mal die Mamma, Du kleine Kröte…“ Melina: „AAAAAAAAAAHHHHHHH“.

Doch, dafür lohnt sich doch die Handy-Flat von base…

Donnerstag, 31. März 2011

Doris war nicht bei Facebook

Am wöchentlichen Familientag drückt mir meine Mutter eine Beerdigungsdanksagung in die Hand, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten hat. Familie X bedankt sich da bei allen Freunden und Bekannten für die rege Anteilnahme an der Beerdigung von Doris, daneben ein Bild, von dem mich eine lebenslustige Frühvierzigerin angrinst. „Guck mal“ fragt sie „kennst Du die nicht?“

Und ob ich die kenne. Vielmehr, jetzt, kannte.

Doris war meine erste „richtige“ Freundin, ich ihr erster „richtiger“ Freund. Sie war 16, ich war 18, in den Läden gab es immer noch mehr Schallplatten als CDs, Kohl war noch Kanzler und Genscher sein Außenminister und ich bin noch den froschgrünen Datsun meiner Mutter gefahren, dessen umklappbare Rücksitze eine wunderschöne Liegefläche schafften und der mir am Hang mal weggerutscht ist, weil ich vergessen hatte, die Handbremse anzuziehen und nur ein spontaner Coitus interruptus rettete damals sie und mich davor, in ein Akazienwäldchen zu rutschen. Hatte ja niemand eine eigene Wohnung.

Die Dame war damals hübsch, schlagfertig und intelligent, mit einem rasiermesserscharfen Verstand und in wirklich jeder Beziehung konsequent.

Doris hat eigentlich so gar nicht zu mir gepasst. Ich war begeisterter Anhänger von Depeche Mode, sie hörte Fleetwood Mac. Ich war der Bodenständige, der FDP-Anhänger, der unbedingt in die Finanzbranche wollte, sie war die Unabhängige, Kreative, die mit den Ideen, verletzend ehrlich, ironisch, spöttisch, dabei aber extrem gradlinig. Wir haben oft diskutiert, hart diskutiert und so ziemlich zu jedem Thema unterschiedliche Ansichten gehabt und deswegen ging das auch nur knapp 100 Tage, weil ich ihr zu langweilig, zu bieder und zu brav und wahrscheinlich auch zu besitzergreifend war, während sie damals schon, wenn sie auch vielleicht nicht genau wusste, was sie wollte, auf jeden Fall wusste, was sie nicht wollte. Und das waren exakt die Dinge, die für mich wertvoll waren und sind.

Sie hat dann auch ziemlich schnell einen glasharten Strich gezogen, was umgekehrt mir ersparte, mit ihr Schluss zu machen. Ich habe das damals schon mehr oder weniger schulterzuckend zur Kenntnis genommen, bedauerlich, aber andere Mütter hatten ja auch schöne Töchter und wahrscheinlich wäre ich ihr intellektuell auf Dauer eh nicht gewachsen gewesen. Man muss auch mal wissen, wann´s gut ist und wo die eigenen Grenzen liegen.

Wir haben uns dann, obwohl unsere Stadt nun wirklich nicht groß ist, ziemlich schnell aus den Augen verloren, was aber auch nicht schlimm war, weil Doris/ThiloS einfach nicht funktioniert hätte. So simpel, so, wie es eben ist.

Und jetzt liegt dieser Zeitungsausschnitt vor mir. Doris lacht mich daraus an oder aus.

Ich pflege zu ziemlich allen meiner „Verflossenen“ einen sehr losen Kontakt, weiß also zumindest, was aus allen geworden ist und in Zeiten von Facebook und Stayfriends und WkW ist das auch wirklich kein Problem. Du gibst den Namen in den Suchbegriff ein, wühlst Dich schlimmstenfalls durch hundert Seiten, schickst dann zwei- drei Mitteilungen weg und dann melden sich Sabine und Silke und die eine Uschi, die Dir den ersten Kuss Deines Lebens verpasst hat, nach dem Dir dann vor Aufregung schlecht war.

Doris habe ich nie gefunden.

Und Doris hat mich augenscheinlich auch nie gesucht, was mich jetzt erst recht noch ärgert, weil es gegen mein Ego geht. Und ich das als Missachtung empfinde, weil, hey, immerhin war ich Erster. Aber eine Doris hat sich auch nie mit Sentimentalitäten aufgehalten, da gab es hinter der nächsten Ecke schon wieder Neues zu entdecken.

Ich setze mich ins Auto und suche sie auf dem Friedhof ihres Heimatortes. Und tatsächlich, ich finde ihr Grab, wenn es auch etwas dauert.

Und zu meiner eigenen Überraschung heule ich wie ein Schlosshund.

Doris ist jetzt 25 Jahre weit zurück. Irgendwo habe ich noch ein paar wirklich nette Liebesbriefe liegen, irgendwo verstaubt auf dem elterlichen Dachboden auch noch ein ziemlich untalentiert gemaltes Bild. Irgendwo in meiner Vergangenheit, als ich noch jung und der festen Ansicht war, dass die Welt nur auf mich gewartet hatte.

Und natürlich frage ich mich, ob sie ihr Leben gelebt hat. Ob sie glücklich war.

Ohne lange nachzudenken und weil ich den Weg ja immer noch kenne, fahre ich zu ihren Eltern. Wenn es denen nicht passt, dann werden sie mich rausschmeißen oder gar nicht erst reinlassen, dann habe ich es wenigstens probiert.

Doppeltes Glück: sie sind da und sie empfangen mich.

Ja, sie erinnern sich an mich, wenn sie mich auch nur vier-/fünf Mal und mit 30 Kilo weniger Gewicht und 30 Falten weniger im Gesicht gesehen haben.

Und wir reden.

Lange.

Sie haben von Doris´ Freunden ein Fotoalbum geschenkt bekommen, das ich mir dankenswerterweise ansehen darf. Doris, wie sie lebte und wie sie war. Straight, geradeheraus, kreativ und vor allem – überbordend lebensfreudig. Und ich erfahre endlich, was Doris in den letzten 25 Jahren gemacht hat, wie es ihr ergangen ist, wobei Doris niemals etwas „ergangen“ ist, weil sie das lieber selbst bestimmt hat. Unabhängig eben. Daher auch kein Mann, keine Kinder. Passt. Das hätte sie nur gebunden und gefesselt. Das wäre nicht Doris gewesen. Und deswegen mit Sicherheit auch kein Facebook und sonstiger Schnickschnack. Das hätte ja die Verpflichtung bedeutet, sich da hin und wieder melden zu müssen. Igitt. Ich wette, sie hat lieber telefoniert oder besucht.

Sie ist nach Berlin abgehauen und kreuz und quer durch die Welt geflogen und hat sich alles angesehen und dabei wahrscheinlich doppelt so schnell gelebt wie ich und die Masse der Anderen. Die Flamme hat wohl heller geleuchtet und ist deswegen vielleicht auch schneller erloschen.

Gestorben ist sie an einer dämlichen und lächerlichen Lungenentzündung, an einer blöden Krankheit, die man normalerweise im Bett mit Chips und Cola und einem DVD-Player auskuriert, so sie schnell genug diagnostiziert wird.

Auch ihr Tod passt. Eine alte, kranke und von anderen abhängige Doris wäre der unglücklichste Mensch der Welt gewesen. Sie hat mutmaßlich an dem Punkt aufgehört, an dem es am Schönsten war.

Mir bleibt die Erinnerung und der Dank, sie kennen und eine kurze Zeit lang sogar lieben gelernt zu haben.

Du lebtest wohl, Doris.

Adieu.

Donnerstag, 24. März 2011

Mitternachtsdeppen

Gestern wars wieder soweit. Ich hab mal wieder "9Live" auf dem Bildschirm gehabt. Es ging um folgende simple Frage: "Uschi hat vier Schwestern: Lili, Lala, Lulu und Lolo. Wie heisst das fünfte Kind des Vaters?".

Eigentlich ganz simpel. Wenn man logisch denken und lesen kann. Nun gehört ja eine gewisse abnorme Intelligenz dazu, sich überhaupt 9Live anzusehen. Ist sowieso gruselig. Wenn sich aber nun so ein Spacko die Spackosendungen schon reinzieht UND auch noch dumm genug ist, da in der Hoffnung, die eine von 10.000 Leitungen "zu treffen", dann sollte ich doch meinen, dass er wenigstens die richtige Antwort weiß.

Und was kommt? Irgendein Heinz aus Niergendwo wird durchgestellt und antwortet als Lösung "Lele". Und ich hab mich vor Lachen vom der Couch geschmissen. Wie saudoof sind die Leute eigentlich? Da hat der Typ schon 100 Öcken verbrannt, um überhaupt vom "Hoddbadden" zugeschlagen zu werden und kommt dann mit "Lele".

Offen gestanden bewundere ich die Moderatoren, die so ein Drömmel nicht spontan ein eiskaltes "Sie dummes Schwein" nennen. Nein, dieser Abschaum schenkt dem Anrufabschaum auch noch 10 Euronen als Trostpreis, damit er in sich gehen kann und gleich nochmal anruft. "Jetzt weiß ich: Dipsy."

Is manchmal schon geil. "Wir suchen Frauennamen mit einem Ypsilon am Anfang" und gleich der erste Anrufer kommt auf "Ypsilanti". Ja isses denn die Möglichkeit? Kann man wirklich so hirnverbrannt doof sein? Wie schaffen es solche Pfeifen eigentlich, die richtige Nummer zu wählen? Oder haben das die Enkel ins Telefon programmiert? Wenn man so hört, was der deutsche Nachtanrufadel so von sich gibt, dann schwindet schon die Hoffnung, dass diese Sackgesichter die Weltprobleme irgendwann in den Griff kriegen.

"Nachgafferbus" - eine "deutsche Stadt" verbirgt sich hinter dem Anagramm. Kann eigentlich nur Aschaffenburg sein, anders gehts nicht. Und was blökt die nächste Kanaille? "Bachnang". Wie soll DAS denn bitte gehen? Ganz abgesehen davon, dass der Ort "Backnang" heisst, passt so ziemlich garnichts. Und die "ff"s haben wir dabei mal fein unterschlagen, was? Gut, dafür gabs ja dann ein paar Buchstaben gratis dazu.

Ich hasse die Spielshowmoderatoren. Kommt für mich gleich nach Wunderheilern, Religionsgründern und sogenannten "Vermögensberatern". Alles Lug und Trug. Aber wenn ich mir die Anrufer so anhöre - weiß Gott, die haben es nicht besser verdient, als dass man ihnen das Geld aus der Tasche zieht. Ich möchte wetten, dass das die gleiche Klientel ist, die mit 40 Euronen vermögenswirksamen Leistungen achtzigtausender Bausparverträge bis zum jüngsten Gericht bespart und eine Riesterrente über Tschibo abgeschlossen hat. ´s war grad im Sonderangebot.

Wäre dem Staat wirklich daran gelegen, dass es den Armen hierzulande besser geht - er würde Gameshows verbieten. Oder wenigstens dafür sorgen, dass vor jedem Anruf eine angenehme Frauenstimme sagt: "bevor wir Sie jetzt mit 50 Cent pro Anruf ausplündern, beantworten Sie bitte folgende Kontrollfrage: wie heisst das Gebäude, in dem Sie sich eigentlich jetzt befinden sollten?" Und wenn dann nicht "Klapsmühle" kommt, dann wird auch nicht durchgestellt.

P.S: die richtige Antwort auf die Eingangsfrage lautet natürlich Lalalululelelololili. Wie kann man auch seinem Kind so einen idiotischen Namen geben!

Mittwoch, 9. März 2011

Vergessene Helden der Wehrmacht

Herbert Knallhartmann wurde 1915 als Kreuzung eines französischen Kriegsgefangenen und einer deutschen Kriegerwitwe in Halle an der Saale als fünftes von vier Kindern geboren.

Nach seinem Abitur gnadenhalber wechselte er 1933 zur Reichswehr, wo er zunächst im Infanterieregiment 38 als Schütze Arsch im letzten Glied diente, bis er bereits 1935 zum Obergefreiten berufen wurde. Aufgrund eines etwas unglückseligen Vorfalls mit zwei Bierflaschen und einer Stabhandgranate (Quellen sprechen von einer Jongliervorführung im Offizierskasino) wechselte Knallhartmann 1936 zur Luftwaffe, wo er zunächst Verwendung als Abschmierer und Staffelmaskottchen fand.

Im gleichen Jahr brach Knallhartmann zunächst zusammen und dann mit der "Legion Condor" nach Spanien auf, wo er aufgrund seiner sexuellen Verdienste am Staffelführer zum Piloten ausgebildet und befördert wurde.

Knallhartmann wäre theoretisch am Bombardement von Guernica beteiligt gewesen, wenn er nicht ausgerechnet an diesem Tage an den Nachwirkungen eines feuchtfröhlichen Abends im Offizierskasino gelitten hätte.

Bei einer Patrouille am 27.4.1937 hingegen erzielte Hartmann versehentlich seinen ersten Abschuss, als sich sein Manschettenknopf in der Steuerung seiner Messerschmitt verhakte und trat in die Geschichte der Luftfahrt als erster Pilot ein, der einen Traktor vernichtete. Und da war Knallhartmann noch gar nicht in der Luft.

Als die Legion Condor nach Beendigung des spanischen Bürgerkrieges nach Deutschland zurückkehrte, übernahm Knallhartmann - der etwas später zurückkehrte, weil er den Rückreisetermin schlicht verschlafen hatte - das Kommando über eine Fliegerjagdstaffel. Dieses wurde ihm allerdings einen Tag später wieder entzogen, da eine schlichte Verwechslung vorgelegen hatte.

Aufsehen erregte Knallhartmann mit seiner Denkschrift über den modernen Luftkrieg unter dem Titel "Der Preis des Sieges", in der er vehement die These verfocht, dass Jagdflieger aus Rücksicht auf die Kosten lieber keine Waffen benutzen, sondern den Gegner durch verbale Beschimpfungen und das Absingen schweinischer Karnevalslieder zur Aufgabe bewegen sollten.

Sein zweiter Abschuss gelang Knallhartmann am 2. September 1939, als er über dem polnischen Ort Zbginiew grundlos ein Aufklärungsflugzeug abschoss. Die darauffolgende Feier wurde nur durch den Umstand getrübt, dass es sich bei dem abgeschossenen Flieger um eine eigene Maschine gehandelt hatte.

Mitte September wurde Knallhartmann auf den Sturzkampfbomber Ju87 umgeschult, mit dem er am 26. September 1939 drei russische Panzer und fast sich selbst vernichtete, als er feststellte, dass er in einer Ju88 sass, die mitnichten ein Sturzkampfbomber war.

Marschall Göring soll während der folgenden diplomatischen Verwicklungen damals das Bonmot "auf welcher Seite kämpfen Sie eigentlich?" geprägt haben.

Auch am darauffolgenden Feldzug in Norwegen war Knallhartmann wieder beteiligt, diesmal als Pilot einer Ju52, mit der er Fallschirmjäger über Narvik absetzen sollte. Leider fiel ihm dabei erst auf der Höhe von Trondheim auf, dass er die Fallschirmjäger am Boden vergessen hatte.

Seinen nächsten Erfolg feierte Knallhartmann wieder als Pilot des Sturzkampfbombers Ju87, als er mangels anderer Ziele vor der norwegischen Küste ein Schlauchboot des englischen Kreuzers "Essex" versenkte, das herrenlos in der See dümpelte.

Am Einmarsch in Frankreich beteiligte sich Knallhartmann gegen den erbitterten Widerstand des Fallschirmjägerkorps als Pilot eines der Lastensegler der Kampfgruppe Witzig, die in den frühen Morgenstunden des 10. Mai das Fort Eben Emael in Belgien angreifen sollte. Allerdings kam es nicht zu dem geplanten Einsatz von Knallhartmanns Kampftruppe, da sich kurz nach dem Start das Schleppseil seines Lastenseglers löste, bei dem Knallhartmann eigenhändig darauf bestanden hatte, es mit einem ganz normalen Schuhknoten zu befestigen.

So rauschten Knallhartmann und seine Fallschirmjäger als erste Soldaten in der Weltgeschichte überhaupt unbemerkt in einen deutschen Kindergarten.

Im weiteren Verlauf des Feldzuges gelang es Hartmann, jetzt wieder Jagdpilot, am 24. Mai endlich eine feindliche Maschine abzuschiessen, aber nur deswegen, weil die Spitfire sowieso schon nach mehreren Treffern am Abschmieren war. Immerhin aber verfolgte Knallhartmann seinen Gegner stur bis auf den Boden, weil er ganz sicher gehen wollte, worauf er seine Messerschmitt in eine Apfelbaumplantage setzte.

Seinen nächsten Kampfeinsatz hatte der trinkfeste Pilot am 20. Juni 1940 über Lympne, England, als er als einziger Pilot einen Überfall englischer Jagdflieger auf seine Gruppe überlebte, da er sich rechtzeitig aus dem Staub machte und nicht in die Luftkämpfe eingriff. Seine Ausrede, er hätte "dringend aufs Klo gemusst" wurde ihm nicht so recht von der Luftwaffenführung abgenommen.

Am 24. Juni 1940 schliesslich wurde Knallhartmann selbst über England abgeschossen. Und zwar von seinem Staffelführer, der ihm mit den Worten "jetzt hab ich die Faxen aber dicke" das Seitenleitwerk wegballerte.

In englischer Gefangenschaft begann Knallhartmann sein autobiographisches Werk "Scheiss-Fliegerei", das vor allem in der homosexuellen Szene Londons großen Anklang finden sollte.

Nach mehreren Weigerungen Deutschlands, Knallhartmann bei Gefangenenaustauschen zurückzunehmen, wurde Knallhartmann schliesslich im Juni 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen, nur, um wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung (er hatte seinen Entlassungsschein selbst geschrieben) in ganz normale englische Gefangenschaft zu kommen.

Nach Verbüssung seiner Haftstrafe in England kehrte Knallhartmann 1949 nach Deutschland zurück, um allerdings sofort wieder abzuhauen. "Was will ich da, ist ja alles kaputt", so seine damalige Argumentation.

Knallhartmann schlug sich eine Weile in Argentinien als Hundeführer durch, bis er im Januar 1956 nach Deutschland zurückkehrte und einer der ersten Piloten der Luftwaffe in Nörvenich wurde. Im Februar 1956 wanderte Knallhartmann allerdings erneut ins Gefängnis, da er, im Unklaren über Freund und Feind, während einer Übung mit scharfer Munition ein amerikanisches Flugzeug abschoss.

Knallhartmann starb am 30.12.1962 bei dem Versuch, einem Freund die Nichtbrennbarkeit von Kerosin zu beweisen. Ein vergessener Held.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Ein Satz zu Ex-Dr. von Guttenberg

Ich habe gleich zu meiner Frau gesagt: "Frau" hab ich gesagt "nie im Leben ist der Doktor! Der hat ja nichtmal Medizin studiert!"

Dienstag, 1. Februar 2011

Warum Direktversicherer so günstig sind

Eigentlich ist es keine große Sache. Irgendein junger und etwas übereifriger, da frischer Kraftfahrer nimmt mir die Vorfahrt und donnert in den vorderen rechten Kotflügel vom Renault. Verletzt ist niemand, Schleudertrauma habe ich auch nicht, weil ich das Geld nicht nötig habe, wir rufen auch keine Polizei, weil der Jungspund da sonst seinen nagelneuen Lappen gleich wieder los ist, der Schädiger gibt mir sein Versicherungskärtchen, ich bring den Wagen in die Werkstatt und dann will ich mit der Versicherung des armen Teufels Kontakt aufnehmen.

Natürlich ist das Auto auf dessen Vater zugelassen und weil der ein Sparbrötchen zu sein scheint, hat er sich einen astreinen Direktversicherer ausgesucht, die „Erste- Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“.

Auf der Homepage der „Erste-Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“, kurz www.ediadic.com, gibt es ein ganz schickes Schadenformular für Geschädigte. Das möchte ich ausfüllen.

Die ersten Fragen sind einfach: Meine Daten, die Daten meines Fahrzeugs, der Schadentag, der Schadenort, der Schädiger und dessen Versicherungsnummer. Habe ich alles dank jenes kleinen knuffigen Kärtchens, wie ich heiße, weiß ich auswendig, ich gebe also alles tapfer ein und drücke auf „absenden“.

„HAAALT“ blökt mich die website an. „Bitte ergänzen Sie vor dem Absenden das Formular an den kenntlich gemachten Stellen.“ Ah, da habe ich was übersehen. Richtig, da steht es: Geburtsdatum des Fahrers des gegnerischen Fahrzeugs.

Tja.

Das habe ich nicht notiert. Ich muss ihn schätzen. Er sah jung aus und hatte seinen Führerschein neu, deswegen ja keine Polizei. Ich nehme das gestrige Datum minus 18 Jahre. Und „absenden“.

Von wegen. „Bitte ergänzen Sie vor dem Absenden das Formular an den kenntlich gemachten Stellen.“ Was jetzt? Ah, ich soll das Führerscheindatum des Fahrers ergänzen. Gut, nehmen wir das gestrige Datum. Ich bin flexibel. „Absenden“.

Geht aber nicht. Denn jetzt soll ich die Führerscheinklasse und die Nummer des Fahrers eingeben. Eigentlich geht mich als Geschädigten das einen feuchten Kehricht an, aber wenn´s der Versicherer will... Ich nehme mal Klasse C und die Nummer meines eigenen Führerscheins. Vielleicht jetzt - „absenden“?

Nein, wie durch Zauberhand gehen neue unausgefüllte Felder auf.

Personalausweisnummer, Musterungsbescheid, Schufa, Kontostand des Schädigers, Geburtsdatum von dessen Vater, Beruf der Geschwister sowie deren Namenstage, Fahrgestellnummern aller Fahrzeuge der Schädigerfamilie, kurz, wollte ich sämtliche Daten des vermaledeiten Formulars ausfüllen, dann müsste ich ein halbes Jahr in der Familie meines Unfallgegners, den ich mittlerweile als Unfallfeind betrachte, recherchieren und wahrscheinlich auch mit jedem Familienmitglied schlafen.

Möchte ich nicht.

Aber die Rettung steht rechts oben: „Unsere Hotline nimmt Ihre Schadenmeldung gerne telefonisch entgegen: Dubiose Nummer mit 0190er Vorwahl.“

Na gut. Dann mache ich den Mitarbeitern der
„Erste-Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“ eben die Freude und rufe an.

Gleich nach dem ersten Klingeln meldet sich eine freundliche Frauenstimme. Zuerst im Tonfall „glücklich“: „Guten Tag, lieber Anrufer. Wir freuen uns, Sie bei der „Erste- Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“ begrüßen zu dürfen.

Dann „sachlich eifrig“: „Der nächste freie Mitarbeiter ist bereits für Sie reserviert. Legen Sie nicht auf. Die Kosten für dieses Telefonat betragen nur 49 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, aus dem Mobilfunk sind Abweichungen möglich.“

Soso. Klasse. Einen halben Euro pro Minute und ich höre dafür das gute alte Volkslied „Üb´ immer Treu und Redlichkeit“, während bei der „Erste- Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“ eine verzweifelte Sachbearbeiterin versucht, einen Anrufer abzuwimmeln, damit sie sich mir widmen kann. Immerhin hab ich sie jetzt ja reserviert!

Die Zeit tropft, meine Telefonrechnung auch. Nach 7,- € (ja, auch ich kann stur sein!) hebt endlich jemand den Hörer ab:

„„Erste- Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“, meine Name äst Tatjana-Maria Slonskaja Prawdaswezda, wä kann äch ähnen chälfen““ schnarrt mich eine Kasernenhofstimme so unvermittelt an, dass ich mich plötzlich wie beim Soldatenaustausch mit der Roten Armee fühle.

„Ja, also, äh, guten Tag, mein Name ist ThiloS, mir ist ein Kunde von Ihnen reingefahren, also nicht in mich, auch nichts Ernstes, aber der Kotflügel ist kaputt. Vorne rechts. Vom Renault.“

„Wä äst passierrrt?“ fragt Tatjana-Maria schlecht gelaunt.

„Ja, also, das war so, ich war auf der Vorfahrtstraße und da kam Ihr Kunde aus einer Seitenstraße geschossen, weil er mich nicht gesehen hat. Ich wollte noch ausweichen, aber er hat mich erwischt. Vorne rechts.“

„Sä sänd därr Gäschädägtä“ schlussfolgert der osteuropäische Engel und seine Stimme wird noch eine Spur kälter. „Wär äst schold?“

„Ihr Kunde“ helfe ich ihr. „Der ist mir draufgefahren. Vorne rechts.“

Kurzes Schnauben am anderen Ende. Dann nur ein Wort:

„Nain.“

Möglicherweise habe ich mich verhört. „Wie bitte?“

„Nain.“

„Wie „nein““?

„Wär send Derekversächerong, onsäre Konden bauen keinä Onfälle.“
Ich bin, und das passiert mir selten, ob dieser klaren und unmissverständlichen Ansage, sprachlos. Volle zwei Sekunden. Das ist sehr lange für mich. Dann sage ich langsam und in einfachen Sätzen, weil sie mich wohl nicht verstanden hat, die Kröte:

„Doch, cheute morgen. Ihr Kunde. Mir Vorfahrt genommen. Auto kaputt. Vorne rechts. Ihr Kunde. Mir reingefahren. Aua aua.“

Aber nicht mit ihr!

„Sä waren zo schnääl. Sonst onsäre Konde hätte sä gäsähän.“

„Nein, war ich garnicht. Er hat mir die Vorfahrt genommen. Hören Sie? VORFAHRT! ICH! VORFAHRT! IHR VERDAMMTER KUNDE IST MIR REINGEFAHREN!“

„Sä schraiän.“ stellt sie, sachlich richtig, fest. „Wär schrait hat Onrächt.“

„Moment“ mein Blutdruck beschleunigt schneller als ein Maserati „Nur, damit ich das richtig auf die Kette kriege: Sie erzählen mir allen Ernstes, Sie nehmen meinen Schaden nicht auf, weil die Kunden von Ihrem Billigheimerverein keine Schäden verursachen?“

„Rächtäg“ kommt es trocken zurück „Wär sänd Deutschlaands gönstägster Autoversächerer. Onsere Konden machän keinä Schäden. Sage auch Werrbessslogän.“

„ICH SCHEISS AUF IHREN WERBESLOGAN. MIR IST EINER IHRER GEHIRNAMPUTIERTEN SCHWACHMATENKUNDEN REINGEFAHREN UND MEIN AUTO IST SCHROTT!“

„Wänn äst Schrott, Sä waren zo schnäll. Sä sänd schold.“

„DAS KÖNNEN SIE ÜBERHAUPT NICHT BEURTEILEN, SIE DÄMLICHE BEUTEDEUTSCHE. SIE WAREN NICHT DABEI, SIE TELEFONPARTISANIN.“

„Wänn noch ain Tonn, äch bäände dem Gäsprrach. Sä machen Onfall ond wollän dann Gäld von ons. Was Sä sagän, kann jädärr bechaupten. Schäcken Sä ons Rächt san walld.“ Genau so betont. Dann legt sie auf und ich führe einen kleinen, nichtsdestoweniger heftigen Zornestanz vor meinen Schreibtisch auf.

Na klar beauftrage ich einen Rechtsanwalt. Ich rufe Andy an, mit dem ich im Gymnasium schon die Schulbank gedrückt habe und schildere ihm meinen Fall.

„„Erste-Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg““ ist der Gegner, sagst Du? Vergiss es. Das macht kein Anwalt in dieser Republik.“

„Was? Warum?“

„Es ist der Ruf der Gesellschaft. Bisher gab es noch keinen einzigen Prozess gegen die, weil jeder Anwalt, der das versucht hat, vorher einen Herzinfarkt bekommen hat. Und, ganz im Ernst: Da ist mir mein Leben lieber. Aber wenn ich Dir trotzdem einen Tipp geben darf: versichere Dich künftig bei denen. Du sparst Geld und Schäden hast Du auch nicht mehr.“

Tja. Ich habe den Gegenwert meines Schadens ja bereits vertelefoniert. Dann werde ich wohl auch mal Kunde bei denen. Und dann muss ich nur noch einen finden, dem ich beim Rechtsabbiegen die Vorfahrt nehmen kann. Dann bekomme ich auch meinen Schaden bezahlt. Von der armen Sau, die nicht bei der „Erste-Deutsche-Internet-Allgemeine-Direct-Insurance-Coburg“ versichert ist.