...mit Moderatoren, wie man sie sich öfter wünschen würde
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Jeder, der da schreibt, ist für sich selbst verantwortlich.
Jeder, der das nicht kapiert, wird zum Spielball der Moderatoren.
Also: macht Euch lächerlich. :D
Die Welt ist nicht so, wie wir sie wünschen, sondern so, wie sie will (ist von mir - gut, gell?)
Donnerstag, 1. Dezember 2011
Mittwoch, 23. November 2011
Weihnachtsmärkte
...weil es passt, habe ich da einen 10 Jahre alten Text ausgegraben - aber irgendwie hat sich wohl seit damals nichts geändert...
Daran erkennt man den Dezember. Selbst beim übelsten Scheisswetter wachsen auf jedem gottvergessenen Marktflecken quasi über heilige Nacht die achso gemütlichen und heimeligen Weihnachtsmärkte aus dem Boden, um uns lieben Christenmenschen einen Hauch vorweihnachtlichen Zauber zu bescheren.
Bei uns im Dörfli hängt über dem heimeligen Weihnachtsmarkt der Duft von Döner und Fladenbrot, weil ganz am Anfang Yussuf seine Dönerholzbude aufgeklappt hat und sich das Odeur von Hammelfleisch mit dem Geruch der benachbarten Fischbude und des Toiletten- wagens mischt. Raucher meiden diesen Eingang aufgrund der Explosionsgefahr. Dafür mag Yussuf Weihnachtslieder. Die Fischerchöre lassens Klinglöckchen klingeln.
Hinter der Fischbude steht wie jedes Jahr die weihnachtliche Dörte mit ihren weihnachtlichen, pädagogisch wertvollen Holzspielsachen mit ungiftigem Farblack und wie jedes Jahr will die keiner haben, aber Dörte hat ein stures Sendungsbewusstsein, wie es nur Alt-Achtundsechziger-Weihnachstbudenbesitzer haben können und kommt jedes Jahr wieder – wie Weihnachten eben auch. Trotzdem ist bei ihr ständig Traffic vorm Stand – und zwar von den Senioren, die es nicht rechtzeitig in die Traube vor „Ottos Filzhausschuhe aus echtem Filz seit 1954“ am Stand nebenan geschafft haben und nun die Wartezeit überbrücken. Hansi Hinterseer (mein Gott, was für ein Name) singt „Stille Nacht“.
Neben Otto steht der unvermeidliche „Kleiner Kaktus wo auf Kieselstein gepflanzt ist“ – Typ in seinem Holzhäuschen und raucht milde Sorte. Die kleinen Kakteen (und nicht „Kaktusse“ und schon gar nicht „Kack-Tusse“) sind aufgereiht wie die Ledernacken bei der Parade und ab und an kommt ein gepierctes Girlie und fragt, wie denn die Kakteen auf den Kieseln befestigt sind. „Geklebt“ brummt dann der Kakteenhändler zurück und das Girlie sagt aha und geht seines Wegs, während Nicole den Kindern droht „morgen, Kinder, wird’s was geben“.
Der Nachbar des Wüstenpflanzenanbieters hat wiederum mehr Verkehr vorm Stand. Er verkauft weihnachtliches Popcorn und weihnachtliche Mandeln und weihnachtliche Gummibären und weihnachtliche kandierte Äpfel und weihnachtliche Zuckerwatte wie das ganze Jahr über auch, aber speziell im dichten Gedränge in den Gässchen macht es einfach Spass zu sehen, wie schnell sich von einem Kind getragene Zuckerwatte über sämtliche Passanten zu verbreiten weiß, sobald Susi in den Strom der vorübergehenden Weihnachtshungrigen eintaucht. Ungefähr so stelle ich mir die Infektion mit Schnupfen vor. Im Nu hat jeder ein Flöckchen Zuckermasse am Hintern hängen – während sich Susis Naschwerk dramatisch verkleinert. Dafür singen die Schlümpfe Kinderweihnachtslieder und ich beginne, Osama bin Laden zu verstehen.
Ein weiteres Büdchen schließt sich an: „Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge“. Nun, da wäre er besser auch geblieben. Hölzerne Engelchen, hölzerne Nussknacker, hölzerne Kerzenständer, hölzernes Holz, eben alles Weihnachtsdeko, auf die man wohl nur im Sozialismus so richtig stolz sein konnte und die gerne von Heimatvertriebenen und DVU-Wählern genommen wird, weil die das a) noch aus ihrer Kindheit in Insterburg kennen und b) das noch deutsche Qualitätsarbeit ist – auch, wenn es sich um OSTdeutsche Qualitätsarbeit handelt. Im Hintergrund spielt die Kapelle des Kampfgeschwaders Richthofen stramm „Ihr Kinderlein kommet“.
Daneben – und zwar völlig daneben – hat Dieter Unruh, der Topfhändler aus dem schönen Münsterland seine Bude aufgeschlagen. Es wimmelt von Töpfen. Grosse Töpfe, kleine Töpfe, Kochtöpfe, Blumentöpfe, Auspufftöpfe – es ist alles da. Für den verzweifelten Ehemann, der am 23sten um 17 Uhr noch ein Geschenk braucht. Auch bei ihm bleiben gelegentlich Hausfrauen stehen, die entsetzt feststellen, dass sich ihr Mann um das 10-fache geirrt hat., als er letztes Jahr den Preis für das wunderschöne Kochset beichtete. Und zu allem Elend gibt’s „stille Nacht“ von der Panflöte gepfiffen.
In der Reihe gegenüber gibt es Kerzen aus Bienenwachs – aber eigentlich will die keiner mehr seit der Erfindung der Elektrizität. Deswegen blättert der Verkäufer ungeniert in einer „Praline“, während einige Jugendliche an den Kerzen schnüffeln, „weil die so gut riechen. Riech mal“. Die Kelly-Familiy jubilot in dulce.
Neben dem Kerzendealer wird es dann endlich weihnachtlich. Überteuerte Christbaumkugeln aus Plastik und Taiwan nebst Girlanden, Sternchen und Lametta, das so ein wenig wie die Düppel aussieht, die moderne Kampfbomber bei Raketenbeschuss abwerfen. Trotzdem ist hier die Hölle los, weil jeder die Weihnachtsglocken sehen will - und zwar die der gutgebauten Verkäuferin, die in der Hitze des Heizstrahlers nur ein weihnachtlich weisses T-Shirt trägt. Und dazu sucht Peter Alexander einen entsprungenen Reis.
Dafür hats nebenan endlich den Glühweinstand. Der Glühweinwirt schwitzt und stinkt, der Glühwein fliest in Strömen und DJ-Ötzi gröhlt im Hintergrund „Gemma Bier trinken“. Ich bestelle 5 Tassen und trinke sie auf Ex. So macht die Vorweihnnnnachsssseit Schpass, Bebi..
Daran erkennt man den Dezember. Selbst beim übelsten Scheisswetter wachsen auf jedem gottvergessenen Marktflecken quasi über heilige Nacht die achso gemütlichen und heimeligen Weihnachtsmärkte aus dem Boden, um uns lieben Christenmenschen einen Hauch vorweihnachtlichen Zauber zu bescheren.
Bei uns im Dörfli hängt über dem heimeligen Weihnachtsmarkt der Duft von Döner und Fladenbrot, weil ganz am Anfang Yussuf seine Dönerholzbude aufgeklappt hat und sich das Odeur von Hammelfleisch mit dem Geruch der benachbarten Fischbude und des Toiletten- wagens mischt. Raucher meiden diesen Eingang aufgrund der Explosionsgefahr. Dafür mag Yussuf Weihnachtslieder. Die Fischerchöre lassens Klinglöckchen klingeln.
Hinter der Fischbude steht wie jedes Jahr die weihnachtliche Dörte mit ihren weihnachtlichen, pädagogisch wertvollen Holzspielsachen mit ungiftigem Farblack und wie jedes Jahr will die keiner haben, aber Dörte hat ein stures Sendungsbewusstsein, wie es nur Alt-Achtundsechziger-Weihnachstbudenbesitzer haben können und kommt jedes Jahr wieder – wie Weihnachten eben auch. Trotzdem ist bei ihr ständig Traffic vorm Stand – und zwar von den Senioren, die es nicht rechtzeitig in die Traube vor „Ottos Filzhausschuhe aus echtem Filz seit 1954“ am Stand nebenan geschafft haben und nun die Wartezeit überbrücken. Hansi Hinterseer (mein Gott, was für ein Name) singt „Stille Nacht“.
Neben Otto steht der unvermeidliche „Kleiner Kaktus wo auf Kieselstein gepflanzt ist“ – Typ in seinem Holzhäuschen und raucht milde Sorte. Die kleinen Kakteen (und nicht „Kaktusse“ und schon gar nicht „Kack-Tusse“) sind aufgereiht wie die Ledernacken bei der Parade und ab und an kommt ein gepierctes Girlie und fragt, wie denn die Kakteen auf den Kieseln befestigt sind. „Geklebt“ brummt dann der Kakteenhändler zurück und das Girlie sagt aha und geht seines Wegs, während Nicole den Kindern droht „morgen, Kinder, wird’s was geben“.
Der Nachbar des Wüstenpflanzenanbieters hat wiederum mehr Verkehr vorm Stand. Er verkauft weihnachtliches Popcorn und weihnachtliche Mandeln und weihnachtliche Gummibären und weihnachtliche kandierte Äpfel und weihnachtliche Zuckerwatte wie das ganze Jahr über auch, aber speziell im dichten Gedränge in den Gässchen macht es einfach Spass zu sehen, wie schnell sich von einem Kind getragene Zuckerwatte über sämtliche Passanten zu verbreiten weiß, sobald Susi in den Strom der vorübergehenden Weihnachtshungrigen eintaucht. Ungefähr so stelle ich mir die Infektion mit Schnupfen vor. Im Nu hat jeder ein Flöckchen Zuckermasse am Hintern hängen – während sich Susis Naschwerk dramatisch verkleinert. Dafür singen die Schlümpfe Kinderweihnachtslieder und ich beginne, Osama bin Laden zu verstehen.
Ein weiteres Büdchen schließt sich an: „Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge“. Nun, da wäre er besser auch geblieben. Hölzerne Engelchen, hölzerne Nussknacker, hölzerne Kerzenständer, hölzernes Holz, eben alles Weihnachtsdeko, auf die man wohl nur im Sozialismus so richtig stolz sein konnte und die gerne von Heimatvertriebenen und DVU-Wählern genommen wird, weil die das a) noch aus ihrer Kindheit in Insterburg kennen und b) das noch deutsche Qualitätsarbeit ist – auch, wenn es sich um OSTdeutsche Qualitätsarbeit handelt. Im Hintergrund spielt die Kapelle des Kampfgeschwaders Richthofen stramm „Ihr Kinderlein kommet“.
Daneben – und zwar völlig daneben – hat Dieter Unruh, der Topfhändler aus dem schönen Münsterland seine Bude aufgeschlagen. Es wimmelt von Töpfen. Grosse Töpfe, kleine Töpfe, Kochtöpfe, Blumentöpfe, Auspufftöpfe – es ist alles da. Für den verzweifelten Ehemann, der am 23sten um 17 Uhr noch ein Geschenk braucht. Auch bei ihm bleiben gelegentlich Hausfrauen stehen, die entsetzt feststellen, dass sich ihr Mann um das 10-fache geirrt hat., als er letztes Jahr den Preis für das wunderschöne Kochset beichtete. Und zu allem Elend gibt’s „stille Nacht“ von der Panflöte gepfiffen.
In der Reihe gegenüber gibt es Kerzen aus Bienenwachs – aber eigentlich will die keiner mehr seit der Erfindung der Elektrizität. Deswegen blättert der Verkäufer ungeniert in einer „Praline“, während einige Jugendliche an den Kerzen schnüffeln, „weil die so gut riechen. Riech mal“. Die Kelly-Familiy jubilot in dulce.
Neben dem Kerzendealer wird es dann endlich weihnachtlich. Überteuerte Christbaumkugeln aus Plastik und Taiwan nebst Girlanden, Sternchen und Lametta, das so ein wenig wie die Düppel aussieht, die moderne Kampfbomber bei Raketenbeschuss abwerfen. Trotzdem ist hier die Hölle los, weil jeder die Weihnachtsglocken sehen will - und zwar die der gutgebauten Verkäuferin, die in der Hitze des Heizstrahlers nur ein weihnachtlich weisses T-Shirt trägt. Und dazu sucht Peter Alexander einen entsprungenen Reis.
Dafür hats nebenan endlich den Glühweinstand. Der Glühweinwirt schwitzt und stinkt, der Glühwein fliest in Strömen und DJ-Ötzi gröhlt im Hintergrund „Gemma Bier trinken“. Ich bestelle 5 Tassen und trinke sie auf Ex. So macht die Vorweihnnnnachsssseit Schpass, Bebi..
Dienstag, 15. November 2011
Nett sein
Ich bin der festen Überzeugung – und ich schließe hier von mir auf andere Menschen – dass der Mensch an sich nett sein möchte. Kein Mensch will ein Arschloch sein und von seinen Mitmenschen gehasst werden. Kein Mensch möchte durch die Gegend gehen und beschimpft werden oder in der Vier-Buchstaben-Zeitung als Depp des Landes ausgezeichnet werden.
Sicher, manchmal kommen Menschen in die Bredouille und können ihre Schulden für den geleasten Porsche oder den Flat-Screen nicht zurückzahlen oder müssen für ihre Bank staatliche Hilfen beantragen, so etwas kommt schon mal vor, aber vom Grundsatz her macht das ja niemand gerne und mit Absicht. Ich will daran glauben.
Aber es wird einem manchmal auch schwer gemacht.
Neulich beispielsweise, da stehe ich in der Bäckerei in unserer Fußgängerzone, bestelle einen Kaffee, ein Hörnchen und die oben genannte Postille und da fragt mich die Bäckereifachverkäuferin, ob ich noch etwas Süßes probieren möchte.
Nun stehe ich sexuellen Avancen jetzt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber und weil sie noch diesseits der 40 zu sein scheint, sage ich leichtsinnigerweise: „ja“.
Zu meiner Enttäuschung reicht sie mir einen kleinen Teller mit irgendeinem dubiosen Backwerk, in dem Zahnstocher stecken, über den Tresen und blickt mich erwartungsvoll an. Ich nehme mir ein Teilchen und beiße in etwas, das verdächtig nach Schaumstoff mit Ammoniaküberzug schmeckt. Wirklich wirklich übel. Schauderhaft. Ekelig.
„Und?“ fragt sie erwartungsvoll und, wie ich meine, auch ein wenig stolz.
Tja nun. Am liebsten würde ich ihr das Zeug vor die Bäckereifachverkäuferinnenfüsse kotzen, aber dann ist sie beleidigt und hasst mich und vielleicht verklagt sie mich wegen Mobbings oder macht sich aus Kummer sogar weg. Möchte ich nicht.
Lieber lächle ich und sage „prima, schmeckt gut!“. Doof und nett, wie ich bin.
Sie lächelt zurück. „Das freut mich, das hat unser Lehrmädchen heute gebacken. Das sind ihre ersten Amerikaner.“ Ach Du scheiße… Jetzt trage ich auf meinen breiten Schultern auch noch die Verantwortung für die berufliche Reputation der Bäckerazubine… Ganz toll!
„Soll ich Ihnen welche einpacken?“ fragt sie tückisch.
Nein, eigentlich mal lieber nicht, ich hasse das Zeug, es ist ein Backwerk aus der siebten Vorhölle und den chemischen Errungenschaften der Hermann-Göring-Werke, aber ich stehe jetzt zwischen Baum und Borke, zwischen „Sie, ich habe Sie angelogen, das Zeug ist widerlich und ein berechtigter Grund für eine amerikanische Kriegserklärung“ und meinem Seelenfrieden.
„Diät“ lächle ich und klopfe auf meinen Bauch. „Ist kaum Fett drin“ tröstet sie mich.
„Ich habe es eilig“ entgegne ich. „Ich kann es einpacken, während Sie Ihren Kaffee trinken“ bietet sie mir an.
Ich habe nicht genug Geld dabei“ sage ich und klopfe mir aufs Portemonnaie. „Ach, kein Problem, ich runde gerne den Betrag auf Ihren 20,- € Schein, mit dem Sie gerade bezahlen wollten, auf“ bietet sie mir netterweise an.
Also gut, wenn sie keine eindeutigen Nicht-Verkaufssignale versteht, dann muss ich wohl deutlicher werden: „Na gut, dann packen Sie mir Fünf Stück ein“ höre ich mich gegen meinen Willen sagen und mein Magen macht vor Ekel einen kleinen Salto rückwärts.
Sie freut sich, guckt mich verschwörerisch an und sagt „da gebe ich Ihnen noch extra einen dazu“ und verpackt sechs Schaumstoffteilchen mit Ammoniakaroma, zieht den Betrag von meinem Wechselgeld ab und reicht mir stolz die Tüte über den Tresen. „Guten Appetit“ wünscht sie mir und wahrscheinlich sehe ich sie gerade an, wie jemand guckt, dessen Hund soeben überfahren wurde, denn sie widmet sich dem nächsten Kunden, der gerade hereingekommen ist.
Ich stelle mich an eines der Stehtischchen da und beobachte, wie mein Nachfolger „etwas Süßes“ probiert und angeekelt das Gesicht verzieht. „Schmeckt widerlich“ sagt er ganz direkt.
Und verlässt den Laden mit drei Krapfen und einem Stangenweißbrot, der unhöfliche Drecksack, der sich soeben 3,50 € für Schaumstoff und ein gutes Gewissen gespart hat.
Was bin ich so froh, dass ich so nett bin. Und so ein Idiot. Ich darf gar nicht drüber nachdenken…
P.S. Ich habe die Amerikaner meiner Mutter zum Kaffee mitgebracht, die ist über 70 und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Sie hat mir später erzählt, dass das Zeug widerlich war und sie es weggeschmissen hat. Auch unhöflich und unnett.
Sicher, manchmal kommen Menschen in die Bredouille und können ihre Schulden für den geleasten Porsche oder den Flat-Screen nicht zurückzahlen oder müssen für ihre Bank staatliche Hilfen beantragen, so etwas kommt schon mal vor, aber vom Grundsatz her macht das ja niemand gerne und mit Absicht. Ich will daran glauben.
Aber es wird einem manchmal auch schwer gemacht.
Neulich beispielsweise, da stehe ich in der Bäckerei in unserer Fußgängerzone, bestelle einen Kaffee, ein Hörnchen und die oben genannte Postille und da fragt mich die Bäckereifachverkäuferin, ob ich noch etwas Süßes probieren möchte.
Nun stehe ich sexuellen Avancen jetzt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber und weil sie noch diesseits der 40 zu sein scheint, sage ich leichtsinnigerweise: „ja“.
Zu meiner Enttäuschung reicht sie mir einen kleinen Teller mit irgendeinem dubiosen Backwerk, in dem Zahnstocher stecken, über den Tresen und blickt mich erwartungsvoll an. Ich nehme mir ein Teilchen und beiße in etwas, das verdächtig nach Schaumstoff mit Ammoniaküberzug schmeckt. Wirklich wirklich übel. Schauderhaft. Ekelig.
„Und?“ fragt sie erwartungsvoll und, wie ich meine, auch ein wenig stolz.
Tja nun. Am liebsten würde ich ihr das Zeug vor die Bäckereifachverkäuferinnenfüsse kotzen, aber dann ist sie beleidigt und hasst mich und vielleicht verklagt sie mich wegen Mobbings oder macht sich aus Kummer sogar weg. Möchte ich nicht.
Lieber lächle ich und sage „prima, schmeckt gut!“. Doof und nett, wie ich bin.
Sie lächelt zurück. „Das freut mich, das hat unser Lehrmädchen heute gebacken. Das sind ihre ersten Amerikaner.“ Ach Du scheiße… Jetzt trage ich auf meinen breiten Schultern auch noch die Verantwortung für die berufliche Reputation der Bäckerazubine… Ganz toll!
„Soll ich Ihnen welche einpacken?“ fragt sie tückisch.
Nein, eigentlich mal lieber nicht, ich hasse das Zeug, es ist ein Backwerk aus der siebten Vorhölle und den chemischen Errungenschaften der Hermann-Göring-Werke, aber ich stehe jetzt zwischen Baum und Borke, zwischen „Sie, ich habe Sie angelogen, das Zeug ist widerlich und ein berechtigter Grund für eine amerikanische Kriegserklärung“ und meinem Seelenfrieden.
„Diät“ lächle ich und klopfe auf meinen Bauch. „Ist kaum Fett drin“ tröstet sie mich.
„Ich habe es eilig“ entgegne ich. „Ich kann es einpacken, während Sie Ihren Kaffee trinken“ bietet sie mir an.
Ich habe nicht genug Geld dabei“ sage ich und klopfe mir aufs Portemonnaie. „Ach, kein Problem, ich runde gerne den Betrag auf Ihren 20,- € Schein, mit dem Sie gerade bezahlen wollten, auf“ bietet sie mir netterweise an.
Also gut, wenn sie keine eindeutigen Nicht-Verkaufssignale versteht, dann muss ich wohl deutlicher werden: „Na gut, dann packen Sie mir Fünf Stück ein“ höre ich mich gegen meinen Willen sagen und mein Magen macht vor Ekel einen kleinen Salto rückwärts.
Sie freut sich, guckt mich verschwörerisch an und sagt „da gebe ich Ihnen noch extra einen dazu“ und verpackt sechs Schaumstoffteilchen mit Ammoniakaroma, zieht den Betrag von meinem Wechselgeld ab und reicht mir stolz die Tüte über den Tresen. „Guten Appetit“ wünscht sie mir und wahrscheinlich sehe ich sie gerade an, wie jemand guckt, dessen Hund soeben überfahren wurde, denn sie widmet sich dem nächsten Kunden, der gerade hereingekommen ist.
Ich stelle mich an eines der Stehtischchen da und beobachte, wie mein Nachfolger „etwas Süßes“ probiert und angeekelt das Gesicht verzieht. „Schmeckt widerlich“ sagt er ganz direkt.
Und verlässt den Laden mit drei Krapfen und einem Stangenweißbrot, der unhöfliche Drecksack, der sich soeben 3,50 € für Schaumstoff und ein gutes Gewissen gespart hat.
Was bin ich so froh, dass ich so nett bin. Und so ein Idiot. Ich darf gar nicht drüber nachdenken…
P.S. Ich habe die Amerikaner meiner Mutter zum Kaffee mitgebracht, die ist über 70 und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Sie hat mir später erzählt, dass das Zeug widerlich war und sie es weggeschmissen hat. Auch unhöflich und unnett.
Mittwoch, 2. November 2011
Stadtbummel durch Buda
Manchmal, wenn mein Konto ein bisschen überläuft, mache ich eine Städtereise, um mich weiterzubilden und fremde Länder, Menschen und Gerüche kennenzulernen.
Natürlich würde diesbezüglich auch eine Fahrt nach Offenbach am Main genügen, aber weil ich das schon kenne, bin ich dieses Jahr nach Budapest gereist.
Budapest ist, wie man weiß, die unverhältnismässig große Hauptstadt eines verhältnismässig kleinen Landes, nämlich Ungarn und trägt auch die Bezeichnung "Paris des Ostens", ich schätze, weil es in beiden Städten die gleich große Menge an Hundescheisse gibt.
Der Ungar selbst ist sehr gastfreundlich, aber nur dann, wenn er einen anderen Ungarn zu Gast hat. Was Touristen angeht, begegnet er denen mit unangemessener Arroganz, was auch der Grund sein dürfte, warum jeder Eroberer dieses Landes gesehen hat, dass er das Teil schnell wieder los wird.
Ungarn selbst blickt auf eine wechselvolle 1000-jährige Geschichte zurück, als die Ungarn, damals noch unfähig, selbst einen Staat auf die Beine zu stellen, ins pannonische Becken einfielen, die dortigen Bewohner kurzerhand abmurksten und anschliessend den anderen Nachbarstaaten durch räuberische Einfälle gehörig auf den Sack gingen und wer je in einer mitteldeutschen Fußgängerzone stundenlangen Bettelkonzerten ungarischer "Touristen" zuhören musste, der weiß, dass sich bis heute daran nichts geändert hat.
Die ungarische Sprache selbst wurde von Gott augenscheinlich als letztes vergeben, da die meisten Buchstaben schon aus waren und nur noch s,c,z und ein ganzer Haufen von ´ zu haben waren.
Wir benötigen aber dieses historische Vorspiel, um die Ungarn und speziell Budapest zu verstehen.
Budapest besteht eigentlich aus zweieinhalb Städten, nämlich Òbuda, Buda und Pest. Ursprünglich wollten diese Städte nichts voneinander wissen, aber seit der leichtsinnige Graf István Széchenyi 3 Tage auf eine Fähre warten musste und deswegen auf die wirklich revolutionäre und völlig neue Idee kam, eine Brücke über die Donau zu bauen, bekamen die Ungarn tatsächlich bereits im Jahre 1849 (nur 900 Jahre nach der Besiedlung jener Städte) eine Brücke, die die Stadtteile verband. Seitdem fahren die Ungarn über die Donau, um sich gegenseitig zu beschimpfen.
Buda ist der älteste Stadtteil und ist auf einem Hügel erbaut, von dem Hügel gegenüber haben die Ungarn - Thema Gastfreundschaft - ihren ersten Missionar, den heiligen Gellért, in einem mit Nägeln gespickten Fass sehr zur Freude der Umstehenden herunterkullern lassen, weil er Ausländer war. Heute steht an der Stelle sein Standbild und guckt auf die Donau, womit wir das erste Wahrzeichen und auch gleich den Hauptexportartikel der Ungarn bis zum Spätmittelalter abgehakt hätten, nämlich originelle und besonders grausame Foltermethoden.
Budapest ist die einzige Stadt, die mit heroischen Standbildern von im Rest Europas zu Recht völlig unbekannten Ungarn geradezu gespickt ist, so treffen wir auf dem Burgberg beispielsweise auf das Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf, der dort in einer prächtigen Husarenuniform grüsst. Bekommen hat er das Standbild für eine typisch ungarische Grosstat: während die Preussen im 7-jährigen Krieg nicht zu Hause waren, war er mit seiner Reiterei in Berlin eingefallen, hat einen Sack Damenhandschuhe erobert und ist wieder abgehauen, bevor die Preussen zurückkamen. Ansonsten hat er jede Schlacht mit einem ernstzunehmenden Gegner verloren.
Der Hauptzugang zur Altstadt ist jedoch das Bécsi kapu, von dem man einen wunderbaren Blick auf den "Burger King" Richtung Moszkva tér hätte, wenn keine Häuser im Weg stünden. So kann man jedoch immer noch eine prima Telefonzelle sehen, wahrscheinlich eine der letzten in ganz Europa, da sich das Mobilnetz von Ungarn ungefähr auf dem Stand von 1942 befindet.
Von dort aus gehen wir am Geburtshaus Gezá Bedáks (dem Erfinder der sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Drehtür) vorbei zum Militärmuseum, in dem sich interessante Zeugnisse aller ungarischen Niederlagen befinden und in dem es von Italienern wimmelt, die sich freuen, dass es ein Volk gibt, das noch mehr Kapitulationen auf dem Buckel wie sie selbst hat. Immerhin aber können die ungarischen Kinder dort echte Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg befingern, wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machen, wer weiss, wann sie sich mal wieder besiegen lassen wollen.
Von Museum aus folgen wir der Úri utca. vorbei am Geburtshaus von Károly Búnzky, dem Entdecker der Buchdruckkunst, der zeitlebens daran litt, dass es keine ungarischen Bücher gab, die er hätte drucken können, weiter an der Deutschen Botschaft entlang (die beiden Angestellten finden Sie in der Regel hinten im Hof beim Rauchen, wenn sie nicht gerade beklauten Touris Geld für die Rückflucht leihen) hin zum oben genannten Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf. Dort wenden wir uns links, nicht ohne zwischendurch im berühmten und berüchtigten Ruszwurm cukrászda eine Gerbeaud-Schnitte (ein Süßgebäck, das einem die Rosette zusammenzieht) widerlich gefunden zu haben und dessen Inhaber entweder von unzufriedenen Eroberern erschlagen wurden oder an Zuckerkrankheit starben.
Jetzt befinden wir uns dann auch schon auf dem Szentháromság tér, wo wir von japanischen Touristen umzingelt werden, die ihre Stadtpläne verkehrt herum halten. Ich könnte jetzt ein paar Worte über die Kirche da verlieren, aber wir wenden uns jetzt zuerst einmal nach links in die Országház utca, die wahrscheinlich nach einer weiteren Pappnase mit einer sinnlosen Erfindung benannt wurde und laufen, vorbei am Geburtshaus von Tibor de Hevesy (dem berühmten ungarischen Chemiker, der die Essbarkeit von Styropor bewies) bis zum Ende, wo die Mária Magdolna Kirche (benannt nach Mária Magdolna, der zu Unrecht vergessenen zweiten Ex-Freundin von Johánnez Tauferisz) oder vielmehr ihr Rest steht, weil die Ungarn zu faul waren, das Teil nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.
Jetzt gehen wir, vorbei am Geburtshaus von Zoltán Fázekas (dem berühmten ungarischen Torwart, der die traumhafte Zahl von 16 kassierten Toren - in einer Halbzeit - hält), rechts die Fortuna utca wieder hinunter, in der sich das einzige Hotel in Europa befindet, in dem die Gäste für Übernachtungen auch noch bezahlt werden (und das trotzdem nie ausgebucht ist), seit dort der erste Fall von Schweinegrippe in Europa bekannt wurde.
Schon befinden wir uns auf dem Hess András tér, benannt nach dem zweiten Buchdrucker, aber dem ersten Buchdrucker, der ein ungarisches Buch druckte.
Und pleite ging, weil keiner die Schwarte kaufen wollte. Hier stand vor Zeiten ein Dominikanerkloster, das jedoch von den Dominikanern fluchtartig verlassen wurde, als sie bemerkten, dass sie in Ungarn gelandet sind. Dafür hat der ungarische Architekt Béla Pinter hier das Hilton hingebaut und es wäre sicher ein prima Hotel geworden, wenn er vorher die Reste des Klosters weggeräumt hätte. So aber stehen dessen Trümmer heute in der Hotellobby herum und allen im Weg und man hört öfter mal das Scheppern von zerspringendem Geschirr, wenn mal wieder eine Bedienung über ein aus dem Boden ragendes Säulenkapitel gestolpert ist.
Hier steht auch die von dem ungarischen Bildhauer József Damkó geschaffene Statue von Papst Innozenz XI., die eigentlich den heiligen Petrus zeigen sollte, aber aufgrund der Unfähigkeit des Bildhauers schliesslich mit dem Papst assoziiert wurde, dem sie am ähnlichsten sah.
Vor uns ragt nun die Mátyás templom empor, vor der immer noch die japanischen Touristen stehen, deren Reiseführer ihnen gerade erzählt, sie stünden vor Notre Dame. Hier fanden die Krönungszeremonien von Károly Róbert, Ferencz Jozeph I. und Karoly IV. statt, sämtliche Könige unterlagen übrigens in den von ihnen geführten Kriegen. Sie ist deshalb auch unter dem Namen „Krönungskirche der Verlierer“, aber auch "Verkérszhindérnisz" bekannt.
Davor sehen wir Richtung Donau die sogenannte "Fischerbastei", eine eigentlich extra zu touristischen Zwecken erbaute Aussichtsplattform, deren Name an die tapferen Fischer erinnert, die während der Türkenbelagerung die Burg als Letzte verliessen - schlicht, weil sie von den kopflos fliehenden ungarischen Truppen vorher nicht durchgelassen wurden.
Hier beschliessen wir auch unseren vormitternächtlichen Rundgang für heute im berühmten Litea Könyvesbolt és Teázó bei einem guten Glas Tokajer, was um so schwieriger ist, weil das Litea Könyvesbolt és Teázó ein Buchladen ist, der um diese Zeit schon geschlossen hat.
Natürlich würde diesbezüglich auch eine Fahrt nach Offenbach am Main genügen, aber weil ich das schon kenne, bin ich dieses Jahr nach Budapest gereist.
Budapest ist, wie man weiß, die unverhältnismässig große Hauptstadt eines verhältnismässig kleinen Landes, nämlich Ungarn und trägt auch die Bezeichnung "Paris des Ostens", ich schätze, weil es in beiden Städten die gleich große Menge an Hundescheisse gibt.
Der Ungar selbst ist sehr gastfreundlich, aber nur dann, wenn er einen anderen Ungarn zu Gast hat. Was Touristen angeht, begegnet er denen mit unangemessener Arroganz, was auch der Grund sein dürfte, warum jeder Eroberer dieses Landes gesehen hat, dass er das Teil schnell wieder los wird.
Ungarn selbst blickt auf eine wechselvolle 1000-jährige Geschichte zurück, als die Ungarn, damals noch unfähig, selbst einen Staat auf die Beine zu stellen, ins pannonische Becken einfielen, die dortigen Bewohner kurzerhand abmurksten und anschliessend den anderen Nachbarstaaten durch räuberische Einfälle gehörig auf den Sack gingen und wer je in einer mitteldeutschen Fußgängerzone stundenlangen Bettelkonzerten ungarischer "Touristen" zuhören musste, der weiß, dass sich bis heute daran nichts geändert hat.
Die ungarische Sprache selbst wurde von Gott augenscheinlich als letztes vergeben, da die meisten Buchstaben schon aus waren und nur noch s,c,z und ein ganzer Haufen von ´ zu haben waren.
Wir benötigen aber dieses historische Vorspiel, um die Ungarn und speziell Budapest zu verstehen.
Budapest besteht eigentlich aus zweieinhalb Städten, nämlich Òbuda, Buda und Pest. Ursprünglich wollten diese Städte nichts voneinander wissen, aber seit der leichtsinnige Graf István Széchenyi 3 Tage auf eine Fähre warten musste und deswegen auf die wirklich revolutionäre und völlig neue Idee kam, eine Brücke über die Donau zu bauen, bekamen die Ungarn tatsächlich bereits im Jahre 1849 (nur 900 Jahre nach der Besiedlung jener Städte) eine Brücke, die die Stadtteile verband. Seitdem fahren die Ungarn über die Donau, um sich gegenseitig zu beschimpfen.
Buda ist der älteste Stadtteil und ist auf einem Hügel erbaut, von dem Hügel gegenüber haben die Ungarn - Thema Gastfreundschaft - ihren ersten Missionar, den heiligen Gellért, in einem mit Nägeln gespickten Fass sehr zur Freude der Umstehenden herunterkullern lassen, weil er Ausländer war. Heute steht an der Stelle sein Standbild und guckt auf die Donau, womit wir das erste Wahrzeichen und auch gleich den Hauptexportartikel der Ungarn bis zum Spätmittelalter abgehakt hätten, nämlich originelle und besonders grausame Foltermethoden.
Budapest ist die einzige Stadt, die mit heroischen Standbildern von im Rest Europas zu Recht völlig unbekannten Ungarn geradezu gespickt ist, so treffen wir auf dem Burgberg beispielsweise auf das Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf, der dort in einer prächtigen Husarenuniform grüsst. Bekommen hat er das Standbild für eine typisch ungarische Grosstat: während die Preussen im 7-jährigen Krieg nicht zu Hause waren, war er mit seiner Reiterei in Berlin eingefallen, hat einen Sack Damenhandschuhe erobert und ist wieder abgehauen, bevor die Preussen zurückkamen. Ansonsten hat er jede Schlacht mit einem ernstzunehmenden Gegner verloren.
Der Hauptzugang zur Altstadt ist jedoch das Bécsi kapu, von dem man einen wunderbaren Blick auf den "Burger King" Richtung Moszkva tér hätte, wenn keine Häuser im Weg stünden. So kann man jedoch immer noch eine prima Telefonzelle sehen, wahrscheinlich eine der letzten in ganz Europa, da sich das Mobilnetz von Ungarn ungefähr auf dem Stand von 1942 befindet.
Von dort aus gehen wir am Geburtshaus Gezá Bedáks (dem Erfinder der sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Drehtür) vorbei zum Militärmuseum, in dem sich interessante Zeugnisse aller ungarischen Niederlagen befinden und in dem es von Italienern wimmelt, die sich freuen, dass es ein Volk gibt, das noch mehr Kapitulationen auf dem Buckel wie sie selbst hat. Immerhin aber können die ungarischen Kinder dort echte Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg befingern, wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machen, wer weiss, wann sie sich mal wieder besiegen lassen wollen.
Von Museum aus folgen wir der Úri utca. vorbei am Geburtshaus von Károly Búnzky, dem Entdecker der Buchdruckkunst, der zeitlebens daran litt, dass es keine ungarischen Bücher gab, die er hätte drucken können, weiter an der Deutschen Botschaft entlang (die beiden Angestellten finden Sie in der Regel hinten im Hof beim Rauchen, wenn sie nicht gerade beklauten Touris Geld für die Rückflucht leihen) hin zum oben genannten Reiterstandbild von Futaki Hadik András gróf. Dort wenden wir uns links, nicht ohne zwischendurch im berühmten und berüchtigten Ruszwurm cukrászda eine Gerbeaud-Schnitte (ein Süßgebäck, das einem die Rosette zusammenzieht) widerlich gefunden zu haben und dessen Inhaber entweder von unzufriedenen Eroberern erschlagen wurden oder an Zuckerkrankheit starben.
Jetzt befinden wir uns dann auch schon auf dem Szentháromság tér, wo wir von japanischen Touristen umzingelt werden, die ihre Stadtpläne verkehrt herum halten. Ich könnte jetzt ein paar Worte über die Kirche da verlieren, aber wir wenden uns jetzt zuerst einmal nach links in die Országház utca, die wahrscheinlich nach einer weiteren Pappnase mit einer sinnlosen Erfindung benannt wurde und laufen, vorbei am Geburtshaus von Tibor de Hevesy (dem berühmten ungarischen Chemiker, der die Essbarkeit von Styropor bewies) bis zum Ende, wo die Mária Magdolna Kirche (benannt nach Mária Magdolna, der zu Unrecht vergessenen zweiten Ex-Freundin von Johánnez Tauferisz) oder vielmehr ihr Rest steht, weil die Ungarn zu faul waren, das Teil nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.
Jetzt gehen wir, vorbei am Geburtshaus von Zoltán Fázekas (dem berühmten ungarischen Torwart, der die traumhafte Zahl von 16 kassierten Toren - in einer Halbzeit - hält), rechts die Fortuna utca wieder hinunter, in der sich das einzige Hotel in Europa befindet, in dem die Gäste für Übernachtungen auch noch bezahlt werden (und das trotzdem nie ausgebucht ist), seit dort der erste Fall von Schweinegrippe in Europa bekannt wurde.
Schon befinden wir uns auf dem Hess András tér, benannt nach dem zweiten Buchdrucker, aber dem ersten Buchdrucker, der ein ungarisches Buch druckte.
Und pleite ging, weil keiner die Schwarte kaufen wollte. Hier stand vor Zeiten ein Dominikanerkloster, das jedoch von den Dominikanern fluchtartig verlassen wurde, als sie bemerkten, dass sie in Ungarn gelandet sind. Dafür hat der ungarische Architekt Béla Pinter hier das Hilton hingebaut und es wäre sicher ein prima Hotel geworden, wenn er vorher die Reste des Klosters weggeräumt hätte. So aber stehen dessen Trümmer heute in der Hotellobby herum und allen im Weg und man hört öfter mal das Scheppern von zerspringendem Geschirr, wenn mal wieder eine Bedienung über ein aus dem Boden ragendes Säulenkapitel gestolpert ist.
Hier steht auch die von dem ungarischen Bildhauer József Damkó geschaffene Statue von Papst Innozenz XI., die eigentlich den heiligen Petrus zeigen sollte, aber aufgrund der Unfähigkeit des Bildhauers schliesslich mit dem Papst assoziiert wurde, dem sie am ähnlichsten sah.
Vor uns ragt nun die Mátyás templom empor, vor der immer noch die japanischen Touristen stehen, deren Reiseführer ihnen gerade erzählt, sie stünden vor Notre Dame. Hier fanden die Krönungszeremonien von Károly Róbert, Ferencz Jozeph I. und Karoly IV. statt, sämtliche Könige unterlagen übrigens in den von ihnen geführten Kriegen. Sie ist deshalb auch unter dem Namen „Krönungskirche der Verlierer“, aber auch "Verkérszhindérnisz" bekannt.
Davor sehen wir Richtung Donau die sogenannte "Fischerbastei", eine eigentlich extra zu touristischen Zwecken erbaute Aussichtsplattform, deren Name an die tapferen Fischer erinnert, die während der Türkenbelagerung die Burg als Letzte verliessen - schlicht, weil sie von den kopflos fliehenden ungarischen Truppen vorher nicht durchgelassen wurden.
Hier beschliessen wir auch unseren vormitternächtlichen Rundgang für heute im berühmten Litea Könyvesbolt és Teázó bei einem guten Glas Tokajer, was um so schwieriger ist, weil das Litea Könyvesbolt és Teázó ein Buchladen ist, der um diese Zeit schon geschlossen hat.
Samstag, 8. Oktober 2011
Beim Friseur
Ich bekenne mich schuldig. Ich gehe gerne zum Friseur. Man sitzt da nett in einem Stuhl, bekommt einen Kaffee und manchmal ein Stück Kuchen und wenn man, wie ich, Angst vor Schönheitsoperationen hat, dann auch noch nebenbei einen hübschen und meist schmerzlosen Haarschnitt des Resthaupthaares. Und ein Gespräch kriegt man auch. Vom Friseur.
Ich glaube, es war Theodore Roosevelt, der gesagt hat: „Ich bin sehr glücklich, in einem Land mit derart fähigen Männern zu leben, die wissen, wie man die Weltwirtschaftskrise löst, die Staatsverschuldung senkt und den Haushalt ausgleicht. Leider sind alle diese Menschen mit Haareschneiden und Taxifahren beschäftigt“.
Nun, letzte Woche war ich mal wieder bei meinem persönlichen Friseur. Der kann Haare schneiden wie Gott persönlich und ist außerdem homosexuell, was zwei Grundvoraussetzungen für eine lange, intensive und haarige Geschäftsbeziehung sind.
Und ich hatte schlechte Laune und wollte einfach nur einen Haarschnitt und meine Ruhe. Das ist nun aber kein Ding meines Friseurs. Also nicht das mit dem Haarschnitt, sondern das mit der Ruhe. Und dann fragt er mich, wie es mir geht.
Es geht mir schlecht. Ich habe heute Morgen massiv einen Vorgang verbockt, mein Ältester hat einen Sechser in Physik abgeliefert, die Mittlere ihre Periode gekriegt und der Jüngste einem Mitschüler einen Nasenstüber verpasst, sodass der andere Knabe blutete und wir einen Anruf von der Schule bekamen. Mein Konto ist überzogen, deswegen ist meine Frau am Maulen und jenes eine Muttermal an einer sehr intimen Stelle sieht etwas seltsam aus. Mein Tag ist gelaufen und all das geht meinen Friseur einen Scheißdreck an.
Er soll mir heute bitte nur „einmal Haare schneiden mit ohne Gespräch“ und die Klappe halten.
Jetzt kann ich ihm aber das nicht sagen und außerdem meint er es ja nur nett und vielleicht schneidet er mir sonst ein Ohr ab, aus Rache und weil er es kann und weil ich da mit einem Ganzkörperschlabberlatz völlig wehrlos in seinem Stuhl sitze.
Also ändere ich meine Taktik und sage „ach, ich knoble den ganzen Tag schon an einer Formel herum, die die Ausdehnung der Zeit im Universum erklären und damit Zeitreisen möglich machen könnte“.
„Aha“ sagt er und schnippelt und ich denke mir, dass das soeben ein vortrefflicher und ziemlich cleverer Mannstopp war.
„Die Zeit…“ sagt er nachdenklich und schneidet ein paar Haarspitzen.
„Du siehst die Zeit als linear an, gell?“ *schnippschnipp* „ganz klassisch: gestern, heute, morgen“ *schnippschnapp* „hast Du Dir schon mal überlegt, dass das falsch sein könnte?“
Nanu? Mein Friseur, das Physik- und Philosophiegenie?
„Wie meinst Du das?“ frage ich ihn neugierig.
„Najanaja…“ *schnippschnipp* „ich erzähle Dir ja nichts Neues. Vielleicht liegt ja Heisenberg im Grunde doch falsch, wenn er behauptet, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Möglicherweise stimmt ja die Unschärferelation zwischen Energie und Zeit nach der heisenbergschen Definition nicht“ *schnippschnipp* „Dass die Zeitunschärfe Delta t angeblich nicht als statistische Streuung definierbar sein soll, da die Zeit in der Quantenmechanik angeblich nur ein Parameter und kein Operator sein soll, halte ich für gewagt und nicht der Weisheit letzter Schluss.“
Schnippschnapp und die Nackenhaare fallen.
„…und nur, weil er behauptet, dass Delta E Delta T größer ungleich H ist, muss das noch lange nicht richtig sein…“ Er macht sich ans Haupthaar *schnipp*
Ich gestehe, dass ich das Gespräch in diesem Moment geistig verlassen habe, da ich von Quantenmechanik weniger Ahnung als das Meerschweinchen meiner Tochter habe, aber mein Friseur ist jetzt so richtig in Fahrt.
„Die haben dem Typen dafür den Nobelpreis verliehen, aber meinst Du, irgendjemand käme mal auf die Idee, Zeit nicht als lineares Modell, sondern als Kugel zu betrachten?“ *schnippschnipp*
Nein, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber ausgerechnet vor meinem verdammten Friseur werde ich mich jetzt nicht als quantenphysischer Laie outen.
„Ehm, das ist interessant“ sage ich, damit ich überhaupt etwas sage.
„Und dann diese geradezu unglaubliche und stümperhafte Behauptung, ein Teilchen in einem endlichen Intervall Delta X größer Null erfülle die Standardabweichung für den Impuls in der Ungleichung Omega P Delta X größergleich pi Intervall (und da gilt das Gleichheitszeichen frecherweise nur für die Cosinusfunktionen), dazu gehört schon eine gehörige Portion Arroganz und Chuzpe, das so zu formulieren, ohne auch nur einmal ansatzweise einem viel logischeren Gedankenansatz zu folgen! Aber das kommt eben dabei raus, wenn man Impulsmengen nur an den Teilchen misst, die im Intervall Delta X sind.“
*Schnippschnipp*
„Und dann stellt sich ein Blender wie Nils Bor auch noch hin und ist sich nicht zu blöde, in der Kopenhagener Interpretation Quantenmechanik nicht nur als nichtreal, sondern auch noch als nichtlokal zu bezeichnen. Und das nur, weil angeblich der Zustandsvektor eines quantenmechanisch Systems gleichzeitig überall die Wahrscheinlichkeitsamplituden festlegt.“ *schnipp*
„So“ sagt er „fertig“. Er hält mir einen Spiegel hinter den Kopf, damit ich das Werk in meinem Nacken bewundern kann. „Du solltest Deine Theorie also dahingehend noch einmal überarbeiten“ sagt er auch. Und fragt: „isses so recht?“
Ja, so ist es recht und schön geschnitten und außerdem hat er nebenbei soeben die Quantenmechanik auf den Kopf gestellt. Ich gehe an die Kasse, zahle, lege noch zwei Euronen in die Trinkgeldbox drauf und frage ihn, ob er meinem Sohn wohl Nachhilfe in Physik geben könnte.
„Physik?“ fragt er mich erstaunt „Sehe ich so aus, als würde ich mich damit auskennen?“
Nein, tut er nicht. Er sieht einfach nur wie ein unschuldiger homosexueller Friseur aus. Ich gehe und werde ihn das nächste Mal fragen, was er meint, wie die griechische Schuldenkrise gelöst werden könnte.
Ich kann noch viel von ihm lernen.
Ich glaube, es war Theodore Roosevelt, der gesagt hat: „Ich bin sehr glücklich, in einem Land mit derart fähigen Männern zu leben, die wissen, wie man die Weltwirtschaftskrise löst, die Staatsverschuldung senkt und den Haushalt ausgleicht. Leider sind alle diese Menschen mit Haareschneiden und Taxifahren beschäftigt“.
Nun, letzte Woche war ich mal wieder bei meinem persönlichen Friseur. Der kann Haare schneiden wie Gott persönlich und ist außerdem homosexuell, was zwei Grundvoraussetzungen für eine lange, intensive und haarige Geschäftsbeziehung sind.
Und ich hatte schlechte Laune und wollte einfach nur einen Haarschnitt und meine Ruhe. Das ist nun aber kein Ding meines Friseurs. Also nicht das mit dem Haarschnitt, sondern das mit der Ruhe. Und dann fragt er mich, wie es mir geht.
Es geht mir schlecht. Ich habe heute Morgen massiv einen Vorgang verbockt, mein Ältester hat einen Sechser in Physik abgeliefert, die Mittlere ihre Periode gekriegt und der Jüngste einem Mitschüler einen Nasenstüber verpasst, sodass der andere Knabe blutete und wir einen Anruf von der Schule bekamen. Mein Konto ist überzogen, deswegen ist meine Frau am Maulen und jenes eine Muttermal an einer sehr intimen Stelle sieht etwas seltsam aus. Mein Tag ist gelaufen und all das geht meinen Friseur einen Scheißdreck an.
Er soll mir heute bitte nur „einmal Haare schneiden mit ohne Gespräch“ und die Klappe halten.
Jetzt kann ich ihm aber das nicht sagen und außerdem meint er es ja nur nett und vielleicht schneidet er mir sonst ein Ohr ab, aus Rache und weil er es kann und weil ich da mit einem Ganzkörperschlabberlatz völlig wehrlos in seinem Stuhl sitze.
Also ändere ich meine Taktik und sage „ach, ich knoble den ganzen Tag schon an einer Formel herum, die die Ausdehnung der Zeit im Universum erklären und damit Zeitreisen möglich machen könnte“.
„Aha“ sagt er und schnippelt und ich denke mir, dass das soeben ein vortrefflicher und ziemlich cleverer Mannstopp war.
„Die Zeit…“ sagt er nachdenklich und schneidet ein paar Haarspitzen.
„Du siehst die Zeit als linear an, gell?“ *schnippschnipp* „ganz klassisch: gestern, heute, morgen“ *schnippschnapp* „hast Du Dir schon mal überlegt, dass das falsch sein könnte?“
Nanu? Mein Friseur, das Physik- und Philosophiegenie?
„Wie meinst Du das?“ frage ich ihn neugierig.
„Najanaja…“ *schnippschnipp* „ich erzähle Dir ja nichts Neues. Vielleicht liegt ja Heisenberg im Grunde doch falsch, wenn er behauptet, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Möglicherweise stimmt ja die Unschärferelation zwischen Energie und Zeit nach der heisenbergschen Definition nicht“ *schnippschnipp* „Dass die Zeitunschärfe Delta t angeblich nicht als statistische Streuung definierbar sein soll, da die Zeit in der Quantenmechanik angeblich nur ein Parameter und kein Operator sein soll, halte ich für gewagt und nicht der Weisheit letzter Schluss.“
Schnippschnapp und die Nackenhaare fallen.
„…und nur, weil er behauptet, dass Delta E Delta T größer ungleich H ist, muss das noch lange nicht richtig sein…“ Er macht sich ans Haupthaar *schnipp*
Ich gestehe, dass ich das Gespräch in diesem Moment geistig verlassen habe, da ich von Quantenmechanik weniger Ahnung als das Meerschweinchen meiner Tochter habe, aber mein Friseur ist jetzt so richtig in Fahrt.
„Die haben dem Typen dafür den Nobelpreis verliehen, aber meinst Du, irgendjemand käme mal auf die Idee, Zeit nicht als lineares Modell, sondern als Kugel zu betrachten?“ *schnippschnipp*
Nein, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber ausgerechnet vor meinem verdammten Friseur werde ich mich jetzt nicht als quantenphysischer Laie outen.
„Ehm, das ist interessant“ sage ich, damit ich überhaupt etwas sage.
„Und dann diese geradezu unglaubliche und stümperhafte Behauptung, ein Teilchen in einem endlichen Intervall Delta X größer Null erfülle die Standardabweichung für den Impuls in der Ungleichung Omega P Delta X größergleich pi Intervall (und da gilt das Gleichheitszeichen frecherweise nur für die Cosinusfunktionen), dazu gehört schon eine gehörige Portion Arroganz und Chuzpe, das so zu formulieren, ohne auch nur einmal ansatzweise einem viel logischeren Gedankenansatz zu folgen! Aber das kommt eben dabei raus, wenn man Impulsmengen nur an den Teilchen misst, die im Intervall Delta X sind.“
*Schnippschnipp*
„Und dann stellt sich ein Blender wie Nils Bor auch noch hin und ist sich nicht zu blöde, in der Kopenhagener Interpretation Quantenmechanik nicht nur als nichtreal, sondern auch noch als nichtlokal zu bezeichnen. Und das nur, weil angeblich der Zustandsvektor eines quantenmechanisch Systems gleichzeitig überall die Wahrscheinlichkeitsamplituden festlegt.“ *schnipp*
„So“ sagt er „fertig“. Er hält mir einen Spiegel hinter den Kopf, damit ich das Werk in meinem Nacken bewundern kann. „Du solltest Deine Theorie also dahingehend noch einmal überarbeiten“ sagt er auch. Und fragt: „isses so recht?“
Ja, so ist es recht und schön geschnitten und außerdem hat er nebenbei soeben die Quantenmechanik auf den Kopf gestellt. Ich gehe an die Kasse, zahle, lege noch zwei Euronen in die Trinkgeldbox drauf und frage ihn, ob er meinem Sohn wohl Nachhilfe in Physik geben könnte.
„Physik?“ fragt er mich erstaunt „Sehe ich so aus, als würde ich mich damit auskennen?“
Nein, tut er nicht. Er sieht einfach nur wie ein unschuldiger homosexueller Friseur aus. Ich gehe und werde ihn das nächste Mal fragen, was er meint, wie die griechische Schuldenkrise gelöst werden könnte.
Ich kann noch viel von ihm lernen.
Donnerstag, 6. Oktober 2011
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Ver-applet
Ich erinnere mich noch an Zeiten, ´s ist noch gar nicht so lange her, so ca. 4 Wochen, da war das Leben noch in Ordnung. Wenn ich morgens ins Büro gegangen bin, dann habe ich mich hingesetzt, meine Assistentin zum Kaffee holen geschickt (wozu bezahl ich die, wenn nicht dafür?) und dann den Computer angemacht.
Oh welch süße Entschleunigung. Da sitzt man nun, ganz in die Welt versunken, den Tag noch vor sich, während sich auf dem Bildschirm aus vier Farben eine Spirale bildet, die schließlich auf den Mittelpunkt des Bildschirms hin rotiert und sich dort zu einem kleinen Fenster zusammensetzt.
Danach bildete sich ein kleiner rotierender Ring, das Zeichen, dass mein Rechner irgendetwas arbeitete (neben der Kaffeemaschine) und dann dauerte es nur drei Minuten bis unter Glockengekäute und Fanfarenschüssen mein Desktop zu sehen war. Windows war fast betriebsbereit und harrte treulich meiner Eingaben.
So war es und sollte ich je meine Biographie schreiben, dann ginge ein Kapitel mit „warten, bis Windows das System gestartet hat“ drauf.
So war es und hätte es bleiben können, wenn mich ein überraschender Regenguss nicht in einen sogenannten „Apple-store“ getrieben hätte.
Apple kennen Sie vielleicht. Immer wenn Sie jemandem erzählen, dass sie einen neuen Computer gekauft haben, dann wird er fragen, ob es ein Apple ist und wenn sie mit „nein“ antworten (wie 80% der intelligenten Lebewesen auf diesem Planeten), dann wird er sie mit Vorwürfen überhäufen, warum Sie sich auf ein so antikes System verlassen und sein Mac wäre tausend Mal besser und überhaupt wäre Bill Gates ein mieser Ausbeuter und der Sohn Satans und Steve Jobs hingegen der Erlöser, der uns von der Knute von Microsoft, dieser elektronischen Pest befreien würde und außerdem hätte der Krebs gehabt und Sie sollen zur Hölle fahren, weil Sie Windows auf dem Rechner haben.
Das ist Apple und das sind seine Kunden.
Und weil ich gerade triefend nass in einem Laden stehe, der Apple verkauft, stricher ich so ein wenig herum. Und da liegt es. Funkelnd. Schön. Glänzend. Das I-Pad. 64 Gigabyte, in schwarz, vollverchromt mit spiegelndem Display. 500 Gramm und 799,- € schwer. Ich kann mein Gesicht sehen, in dem Display. Das ist es also. Das Flagschiff von Apple, das die Konkurrenz das Fürchten lehrt.
Ich kenne natürlich das I-Pad. Jeder Dödel aus Politik und der Versicherungsbranche hat heute so ein Teil. Und niemand – wirklich niemand – weiß, warum er das hat. Ich habe sie gefragt, die I-Pad-Halter. Ich habe sie gefragt: „wozu braucht man das“?
Nun ist in unserem kapitalistischen System die Frage, wozu man einen Gegenstand braucht, völlig irrelevant. Es geht einfach nur darum, dass man einen Gegenstand HAT. Ob der sinnvoll ist oder nicht, das ist völlig egal. Viele Sachen braucht man nicht, bevor man sie dann hat. Ich weiß das auch. Und komme mir bei solchen Fragen immer vor wie ein Hufschmied im beginnenden 20sten Jahrhundert, der meint, dass sich das Auto niemals durchsetzen wird, weil Pferde günstiger sind und die Armen sowieso sich keines leisten können.
Und weil ich jetzt bei Apple dumm herumstehe, frage ich einen der gegelten Verkäufer eben, was denn ein I-Pad so kann. And here are the results.
Aufgemerkt. Aaaalso: Sie können Ihre Musik immer mitnehmen. Das ist toll. Sie können sie, und das ist der eigentliche Knaller, sogar hören, wenn niemand da ist, den Sie damit stören. Allerdings können Sie das auch mit ihrem Handy oder, wenn Sie ihre Sachen aus den 80ern noch haben, Ihrem Walkman.
Sie können aber auch damit fotografieren. Das ist cool, wenn Sie keine Kamera haben. Allerdings kauft sich niemand, der keine Kamera hat, ein I-Pad, sondern eben eine Kamera. Und dann können Sie die Bilder auf dem I-Pad jemandem zeigen. Wenn er sich dafür interessiert und nicht einschläft.
Sie können auch Präsentationen zeigen von irgendetwas, wenn sie gerade kein Prospekt von Ihrer Firma dabei haben.
Sie können sich aber auch Bücher und Zeitschriften herunterladen und sogar lesen, wenn sie gerade kein Buch oder keine Illustrierte dabei haben.
Sie können aber auch – das finde ich besonders pfiffig – eine Illustrierte in der Buchhandlung Seite für Seite abfotografieren und erst dann lesen. Fragen Sie mich nicht, ob das sinnvoll ist, die Hauptsache ist doch, dass das geht! Wenn Sie einen geduldigen Buchhändler haben, der drauf steht, durch die elektronische Konkurrenz Pleite zu gehen.
Sie können Filme gucken. Wenn Sie die drei Stunden herunterladen und gerne blind werden möchten, weil das Display dann doch arg klein für sowas ist.
Und dann gibt es da die sogenannten „Apps“. Apps sind kleine Bildchen, die sinnlose Anwendungen starten.
Wenn Sie also sich in ihrer eigenen Stadt nicht auskennen, dann drücken Sie auf ein App und bekommen alle Bankautomaten angezeigt. Und mit einem anderen App, ob es sich lohnt, da hin zu gehen, weil zufällig Geld auf Ihrem Konto ist.
Wenn Sie irgendwo hin fahren möchten, dann drücken Sie auf ein App und das zeigt ihnen die Route, die Ihnen dann Ihr Beifahrer vorlesen kann, wenn sie einen haben. Ansonsten können sie ohne Beifahrer nichts damit anfangen, denn sie können das Ding nicht auf den Lenker legen. Oder sie prägen sich die Route dank Ihres fotografischen Gedächtnisses ein, hätten dann aber eigentlich kein I-Pad dazu gebraucht.
Sie können auf dem beigefügten Kalender auch Ihre „kritischen Tage“ sehen, wenn sie eine Frau sind. Wenn Sie ein Mann sind, dann wissen Sie wenigstens, wann sie länger in der Kneipe bleiben können und können dann mit einem anderen App den Barcode der Biere scannen und so herausfinden, was der Wirt im Einkauf dafür bezahlt hat. Das ist toll, nutzt Sie aber auch nichts, weil Sie den Verkaufs- und nicht den Einkaufspreis zahlen.
Sie können Ihre emails empfangen. Das ist toll, weil Sie jetzt nicht mehr nur im Büro mit spam-mails bombardiert werden, sondern auch im Cafe, am Strand oder auf dem Klo. Wenn das jetzt nicht einen echten Nutzen hat, dann weiß ich es auch nicht.
Zu guter Letzt können Sie auch Spiele spielen. So Zeug wie Sudoku oder Sie können sich über das Internet das Bild eines „Snickers“ herunterladen, wenn es mal wieder irgendwo länger dauert.
Das ist toll.
Ich frage den Verkäufer, ob ich damit auch telefonieren kann. Nein, kann ich nicht, das geht nicht.
Dann frage ich ihn, wozu ich das alles brauche und er glotzt mich ein Mondkalb.
Dann sagt er ganz langsam: „ich habe diesen Laden hier, weil ich Frau und Kinder ernähren muss“ und so ein Argument zieht bei mir, weil es meine soziale Ader anspricht und ich lasse mir ein I-Pad einpacken.
Seitdem gibt es keinen Ladebalken mehr.
Ich drücke auf „on“, das I-Pad ist sofort da und betriebsbereit und ich sehe rechts oben die Uhrzeit und links oben, ob ich ein Mobilnetz habe.
Das reicht mir dann auch als Information und ich schalte das Ding wieder aus.
Den Hauptgrund für ein I-Pad habe ich aber erst jetzt, wo ich eines habe, entdeckt: man kann damit durch die Gegend laufen und angeben. Denn ein I-Pad-Träger hat ein wunderbares Schild unter dem Arm:
„Seht her, ich kann mir ein sinnloses Elektronikspielzeug leisten. Ich gehöre zur Mittelschicht“.
Oh welch süße Entschleunigung. Da sitzt man nun, ganz in die Welt versunken, den Tag noch vor sich, während sich auf dem Bildschirm aus vier Farben eine Spirale bildet, die schließlich auf den Mittelpunkt des Bildschirms hin rotiert und sich dort zu einem kleinen Fenster zusammensetzt.
Danach bildete sich ein kleiner rotierender Ring, das Zeichen, dass mein Rechner irgendetwas arbeitete (neben der Kaffeemaschine) und dann dauerte es nur drei Minuten bis unter Glockengekäute und Fanfarenschüssen mein Desktop zu sehen war. Windows war fast betriebsbereit und harrte treulich meiner Eingaben.
So war es und sollte ich je meine Biographie schreiben, dann ginge ein Kapitel mit „warten, bis Windows das System gestartet hat“ drauf.
So war es und hätte es bleiben können, wenn mich ein überraschender Regenguss nicht in einen sogenannten „Apple-store“ getrieben hätte.
Apple kennen Sie vielleicht. Immer wenn Sie jemandem erzählen, dass sie einen neuen Computer gekauft haben, dann wird er fragen, ob es ein Apple ist und wenn sie mit „nein“ antworten (wie 80% der intelligenten Lebewesen auf diesem Planeten), dann wird er sie mit Vorwürfen überhäufen, warum Sie sich auf ein so antikes System verlassen und sein Mac wäre tausend Mal besser und überhaupt wäre Bill Gates ein mieser Ausbeuter und der Sohn Satans und Steve Jobs hingegen der Erlöser, der uns von der Knute von Microsoft, dieser elektronischen Pest befreien würde und außerdem hätte der Krebs gehabt und Sie sollen zur Hölle fahren, weil Sie Windows auf dem Rechner haben.
Das ist Apple und das sind seine Kunden.
Und weil ich gerade triefend nass in einem Laden stehe, der Apple verkauft, stricher ich so ein wenig herum. Und da liegt es. Funkelnd. Schön. Glänzend. Das I-Pad. 64 Gigabyte, in schwarz, vollverchromt mit spiegelndem Display. 500 Gramm und 799,- € schwer. Ich kann mein Gesicht sehen, in dem Display. Das ist es also. Das Flagschiff von Apple, das die Konkurrenz das Fürchten lehrt.
Ich kenne natürlich das I-Pad. Jeder Dödel aus Politik und der Versicherungsbranche hat heute so ein Teil. Und niemand – wirklich niemand – weiß, warum er das hat. Ich habe sie gefragt, die I-Pad-Halter. Ich habe sie gefragt: „wozu braucht man das“?
Nun ist in unserem kapitalistischen System die Frage, wozu man einen Gegenstand braucht, völlig irrelevant. Es geht einfach nur darum, dass man einen Gegenstand HAT. Ob der sinnvoll ist oder nicht, das ist völlig egal. Viele Sachen braucht man nicht, bevor man sie dann hat. Ich weiß das auch. Und komme mir bei solchen Fragen immer vor wie ein Hufschmied im beginnenden 20sten Jahrhundert, der meint, dass sich das Auto niemals durchsetzen wird, weil Pferde günstiger sind und die Armen sowieso sich keines leisten können.
Und weil ich jetzt bei Apple dumm herumstehe, frage ich einen der gegelten Verkäufer eben, was denn ein I-Pad so kann. And here are the results.
Aufgemerkt. Aaaalso: Sie können Ihre Musik immer mitnehmen. Das ist toll. Sie können sie, und das ist der eigentliche Knaller, sogar hören, wenn niemand da ist, den Sie damit stören. Allerdings können Sie das auch mit ihrem Handy oder, wenn Sie ihre Sachen aus den 80ern noch haben, Ihrem Walkman.
Sie können aber auch damit fotografieren. Das ist cool, wenn Sie keine Kamera haben. Allerdings kauft sich niemand, der keine Kamera hat, ein I-Pad, sondern eben eine Kamera. Und dann können Sie die Bilder auf dem I-Pad jemandem zeigen. Wenn er sich dafür interessiert und nicht einschläft.
Sie können auch Präsentationen zeigen von irgendetwas, wenn sie gerade kein Prospekt von Ihrer Firma dabei haben.
Sie können sich aber auch Bücher und Zeitschriften herunterladen und sogar lesen, wenn sie gerade kein Buch oder keine Illustrierte dabei haben.
Sie können aber auch – das finde ich besonders pfiffig – eine Illustrierte in der Buchhandlung Seite für Seite abfotografieren und erst dann lesen. Fragen Sie mich nicht, ob das sinnvoll ist, die Hauptsache ist doch, dass das geht! Wenn Sie einen geduldigen Buchhändler haben, der drauf steht, durch die elektronische Konkurrenz Pleite zu gehen.
Sie können Filme gucken. Wenn Sie die drei Stunden herunterladen und gerne blind werden möchten, weil das Display dann doch arg klein für sowas ist.
Und dann gibt es da die sogenannten „Apps“. Apps sind kleine Bildchen, die sinnlose Anwendungen starten.
Wenn Sie also sich in ihrer eigenen Stadt nicht auskennen, dann drücken Sie auf ein App und bekommen alle Bankautomaten angezeigt. Und mit einem anderen App, ob es sich lohnt, da hin zu gehen, weil zufällig Geld auf Ihrem Konto ist.
Wenn Sie irgendwo hin fahren möchten, dann drücken Sie auf ein App und das zeigt ihnen die Route, die Ihnen dann Ihr Beifahrer vorlesen kann, wenn sie einen haben. Ansonsten können sie ohne Beifahrer nichts damit anfangen, denn sie können das Ding nicht auf den Lenker legen. Oder sie prägen sich die Route dank Ihres fotografischen Gedächtnisses ein, hätten dann aber eigentlich kein I-Pad dazu gebraucht.
Sie können auf dem beigefügten Kalender auch Ihre „kritischen Tage“ sehen, wenn sie eine Frau sind. Wenn Sie ein Mann sind, dann wissen Sie wenigstens, wann sie länger in der Kneipe bleiben können und können dann mit einem anderen App den Barcode der Biere scannen und so herausfinden, was der Wirt im Einkauf dafür bezahlt hat. Das ist toll, nutzt Sie aber auch nichts, weil Sie den Verkaufs- und nicht den Einkaufspreis zahlen.
Sie können Ihre emails empfangen. Das ist toll, weil Sie jetzt nicht mehr nur im Büro mit spam-mails bombardiert werden, sondern auch im Cafe, am Strand oder auf dem Klo. Wenn das jetzt nicht einen echten Nutzen hat, dann weiß ich es auch nicht.
Zu guter Letzt können Sie auch Spiele spielen. So Zeug wie Sudoku oder Sie können sich über das Internet das Bild eines „Snickers“ herunterladen, wenn es mal wieder irgendwo länger dauert.
Das ist toll.
Ich frage den Verkäufer, ob ich damit auch telefonieren kann. Nein, kann ich nicht, das geht nicht.
Dann frage ich ihn, wozu ich das alles brauche und er glotzt mich ein Mondkalb.
Dann sagt er ganz langsam: „ich habe diesen Laden hier, weil ich Frau und Kinder ernähren muss“ und so ein Argument zieht bei mir, weil es meine soziale Ader anspricht und ich lasse mir ein I-Pad einpacken.
Seitdem gibt es keinen Ladebalken mehr.
Ich drücke auf „on“, das I-Pad ist sofort da und betriebsbereit und ich sehe rechts oben die Uhrzeit und links oben, ob ich ein Mobilnetz habe.
Das reicht mir dann auch als Information und ich schalte das Ding wieder aus.
Den Hauptgrund für ein I-Pad habe ich aber erst jetzt, wo ich eines habe, entdeckt: man kann damit durch die Gegend laufen und angeben. Denn ein I-Pad-Träger hat ein wunderbares Schild unter dem Arm:
„Seht her, ich kann mir ein sinnloses Elektronikspielzeug leisten. Ich gehöre zur Mittelschicht“.
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