Donnerstag, 25. Oktober 2012

Schnupfm

Ich hatte eine Erkältung abgegriffen. Nichts Ernstes, aber schon lästig. Schnupfen, Heiserkeit, Halsweh, Gliederschmerzen, das volle Programm aus der ratiopharm-Werbung. Und ich habe mich elend gefühlt. Und da habe ich beschlossen, zu Hause zu bleiben, es ging mir nicht gut. So allgemein.

Ich bin selbständig, ich darf das. Ohne Krankenschein. Zu Hause bleiben. Hab ich gedacht.

„Was ist mit Dir?“ hat meine Frau gefragt. „Ich bin krank“ habe ich geantwortet. „Nein, Du hast nur eine Erkältung“ hat sie gesagt.

Und das fand ich eine Unverschämtheit. „Nur“ eine Erkältung. Eine Erkältung ist eine schlimme Krankheit, damit soll man nicht spassen, ich bin bestimmt kein Weichei, aber man hat schon oft von Erkältungen gehört, die sich dann zu einer ausgewachsenen Lungenentzündung entwickelt haben und wenn man da nicht aufpasst, wacht man morgens auf und ist tot. Basierend auf diesem Gedankengang habe ich meiner Frau eröffnet, dass ich sterben könnte.

„An einer Erkältung!“ hat sie nüchtern festgestellt.

JA, VERDAMMT. An einer Erkältung kann man sterben, das geht ratz fatz, dann ist die Lunge dick, die Bronchien versagen, die Augen werden trüb, die ganzen inneren Organe schwellen an und platzen, die Viren oder Bazillen oder wie die Viecher heissen, fressen die ganzen Blutkörperchen auf und dann steht man da und stirbt einen elenden und siechen Tod, weil man eine Erkältung leichtsinnig übergangen hat.

„Nein“ hat meine Frau gesagt „Du hast nur einen Schnupfen, Du musst nicht zu Hause bleiben.“

Ach nein? Muss ich nicht? Sie geht mit meinem Leben und meiner schlimmen Erkrankung aber SEHR leichtfertig um, die Dame meines Herzens. Gut, es ist ja nicht sie, die wegen „nur“ eines Schnupfens dem grimmen Schnitter ins Auge schaut, was für uns beide, also den Schnitter und mich, sehr unangenehm ist. Aber ich gebe mich noch nicht geschlagen.

„Ein Schnupfen ist eine hochansteckende Krankheit, wusstest Du das?“ belehre ich sie. „Es handelt sich nämlich bei der Rhinitis um einen Infekt, der durch Rhinoviren (eine Abart der Picornaviren) und Adenoviren übertragen wird und wenn ich nicht aufpasse, dann entwickelt sich das zu einer Atrophie der Nasenschleimhäute und mündet in einer Ozeana, landläufig auch „Stinknase“ genannt, da die atrophische Schleimhaut Keimansiedlungen begünstigt, die einen unangenehmen, süßlich-faulen Geruch absondern. Da die Schleimdrüsen ebenfalls atrophieren, kann der Naseninnenraum nicht mehr ausreichend befeuchtet werden, was zu Trockenheit der Schleimhaut und damit zu starker, schwarzer bis gelb-grüner Borkenbildung führt. Folgen der zähen Verkrustungen können Kopf- und Nasenschmerzen, Nasenbluten sowie Vereiterungen sein. Auf Grund des Nasengeruchs erleide ich dann einen sozialen Ausschluss, weil niemand wegen meiner Nase noch etwas mit mir zu tun haben möchte und mein Betrieb geht pleite und Dein Malkurs hat sich erledigt, weil wir sparen müssen und ich kauf Dir einen Corsa oder eine Busfahrkarte. Und das ist noch nicht alles: Durch Anosmie (auf Grund der Atrophie von Geruchsnerven) und wegen der Gewöhnung der Geruchsnerven an den Eigengeruch nehme ich den Gestank selber nicht einmal wahr. Dies bedeutet, Du wirst diejenige sein, die leidet. Jedenfalls bis zur Scheidung oder meinem Tod.“

„Gute Güte, Du hast einen Schnupfen“ wiederholt sie. Und dann sagt sie: „sei nicht so eine Memme.“

Nun – anscheinend drücke ich mich für die Frau, von der ich bisher dachte, sie liebt mich, unverständlich aus. Ich probiere es anders:

„Hast Du verstanden, was ich gesagt habe? „HOCHANSTECKENDE KRANKHEIT“! Die krankheitsverursachenden Viren werden sowohl als Tröpfcheninfektion durch die Luft als auch direkt oder indirekt durch Kontakt mit Erkrankten oder über kontaminierte Gegenstände per Schmierinfektion (Kontaktinfektion) in deren Umgebung übertragen. Dies bedeutet faktisch, dass ich die komplette Stadt anstecken könnte. Das ganze kann als eine veritable Pandemie oder Epidemie enden. Menschen schleppen sich schniefend und rotzend auf die Strasse, wo sie erbärmlich in den Gossen ihr Leben aushauchen, gehüllt in einen Kokon aus Rotz und Tempotaschentüchern, unsere Stadt wird unter Quarantäne gestellt, die Bundeswehr sperrt mit Schützenpanzern und in Ganzkörperanzügen die Zufahrtsstrassen ab, in den Strassen patroulliert der Bundesgrenzschutz mit Gasmasken und räumt die Herstallstrasse von den ganzen Schnupfentoten frei. Nach 14 Tagen gehen die Impfstoffe aus und die Aktie der Firma „Tempo“ bricht durch die Börsendecke, während sie ganze Kontinente von den für die Atmosphäre wichtigen Regenwälder befreit, weil sie Nachschub für ihre Papiertaschentuchproduktion brauchen. In der Folge bricht das Weltklima zusammen und es kommt zu Hungersnöten und Unruhen weltweit. Was meinst Du, wenn die drauf kommen, wer das verursacht hat? Was dann hier los ist? Wenn ich Glück habe, dann komme ich nur mit einer Todesfatwa eines islamischen Geistlichen davon. Und das alles nur, weil Du gemeint hast, ich hätte ja „nur“ einen Schnupfen und könne arbeiten gehen. Vielen Dank für gar nichts. Aber ich werde dann mit dem Finger auf Dich zeigen und sagen: SIE WOLLTE, DASS ICH ARBEITEN GEHE. ICH HATTE SIE JA GEWARNT!“

„Du willst also heute zu Hause bleiben“ stellt sich sachlich fest.

ABER JA! DIE ZUKUNFT DES PLANETEN HÄNGT DAVON AB!

„Dann kannst DU ja mal die Ablage und die Buchführung machen, wenn Du daheim bist.“

Und da ist mir dann plötzlich eingefallen, dass mich die Welt eigentlich kreuzweise kann und ich bin arbeiten gegangen. Ich meine „hallo?“ Ist ja nur ein Schnupfen.

Donnerstag, 2. August 2012

Business all time flat professional

Ein altes Sprichwort sagt: wechsle nie die Pferde im Strom. Auf Deutsch und als Mahnung an die geneigten Leser und Hörer und Zuschauer und Mitfühlenden: wenn etwas funktioniert, dann pfusch nicht drin herum. Finger weg. Lass den Scheiß. Es funktioniert und das ist alles, was es soll. Funktionieren. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Alles gut.

Beispielsweise mein Handy. Es funktioniert. Ich kann Apps laden, SMS und MMS verschicken, Fotos machen, Spiele spielen, Musik hören und im Internet surfen. Und manchmal kann ich damit auch telefonieren. Wenn ich ein Funknetz habe. Diese archaische Kommunikationsform, wo man noch seine Stimme modulieren und gelegentlich zuhören muss und während der Unterhaltung nicht einfach aufs Klo flitzen oder nebenbei Fernsehen gucken kann oder das Ding einfach beiseite legt, damit es sich selbst Nachrichten schreibt.
Mein Iphone ist mein treuer Begleiter auf allen Wegen. Und deswegen ging ich leichtsinngerweise dran, als es mit den Glockentönen von BigBen die Anwesenheit eines Menschen signalisierte, der anscheinend zwischenmenschliche Kommunikation mit mir wünschte.

„Hallo, Herr ThiloS, mein Name ist Susanne Berger von eplusbaseoutootelecomcommunicationsinternationalmobilevodafonelimited („Ja hallo“) und Sie sind ja Kunde bei uns im Call and Surf professional. Wir wollten mal nachfragen, wie zufrieden sie sind.“

Ich habe einen guten Tag heute und schalte schnell:
„Meinen Sie generell, mit meinem Job, meiner Ehe oder mit dem Iphone oder mit Ihnen als Firma oder Ihnen persönlich?“

„Hihi, neinnein, mit Ihrem Call and Surf Tarif.“

„Ich kann telefonieren. Das ist okay.“
„Aha“ (wahrscheinlich hätte ich ihr auch sagen können, dass ich derzeit und einem Schwerlaster liege und eine schwedische Krankenschwester mich soeben beatmet, sie hätte in jedem Fall „aha“ gesagt).

„Wir hätten nämlich da einen neuen Tarif für Sie, mit dem Sie günstiger als in Zukunft telefonieren.“
…und während ich noch grüble, ob das jetzt ernst gemeint oder eine freud´sche Fehlleistung war, spricht das Susanne hemmungslos weiter:

„Wenn Sie nämlich in den Business-comfort-flat-scream-and-squeak-Tarif wechseln würden, dann erhielten Sie 120 Freisekunden in das Festnetz der Kaiman-Inseln, dazu gratis 10 SMS ab 1 Gigabyte Festplattenspeicher, ein Messerset aus chinesischem Blattgold und zehn reichverzierte Wassermühlen mit Fernbedienung. Na, wie klingt das?“
Tja.

Eigentlich ganz gut soweit.
Ich habe da allerdings eine Frage, und zwar telefoniere ich im Moment over den Fireabend-Tarif mit allen Verbindungen ins französische Festnetz, mit Standleitung zur russischen Raumstation „Glasnost“ und habe außerdem 20 Silben im Monat frei, wenn gerade Freitag ist und die Sonne nicht scheint. Was ist damit?

„Das ist gar kein Problem, Herr ThiloS, die Freisilben können wir übertragen und wenn Sie das Super-Event-Entertainment-Paket dazubuchen, dann können Sie Nachts zwischen 23 und 3 Uhr bei schönem Wetter die Sterne betrachten und dank des Star-Wars-Pakets dem Funkverkehr auf Beta Geuze folgen“
„Hmmm“… das ist natürlich ein verlockendes Angebot, andererseits…

„Gesetzt den Fall, ich würde mit meinem neuen Scram-and-Squeak-Paket einsteigen, bekäme ich dann noch ein Handy für meine Frau?“
Susanne Berger ist ein echtes Ass und reagiert schnell: „in diesem Falle können wir Ihnen das private-Talk-and-Walk-Package inklusive 120 Freischwimmer-Minuten in alle deutschen Schwimmbäder, ein Monatsabo der Zeitschrift „Frau am Herd“ via Download oder read-per-view und eine warme Mahlzeit in einer Bahnhofsmission Ihrer Wahl anbieten!“

„Das ist ja alles schön und gut, aber ich schreibe mir im Monat ca. 300 Beiträge hinter die Ohren und meine Frau geht sowieso nie dran, wenn sie sieht, dass ich es bin, könnten wir dann da eine Rufnummer- und Frauenunterdrückung einbauen und sie zwingen, an das Handy zu gehen, also so eine Art „women-suppress-force“-Paket mit cleaning-dishes-Option?“
„Hihi.“ Susanne kichert. „Das ginge, aber dann müssten Sie das Girlfriend-divorce–big-tits-mature-woman-want-you“-XXL Paket für lediglich 10,- € pro Minute in alle polnischen Sex-hotlines dazubuchen, da kämen Sie dann im Grundbetrag auf ca. 1.000,- € im Monat“

„Ja, sehr geil! Das klingt gut, das nehme ich! Nur noch eine Frage an Sie als Profi zum Schluss und im Vertrauen: welches Paket haben Sie eigentlich gebucht?“

„Ich?“ Susanne ist jetzt ehrlich überrascht. „Ich telefoniere nicht, das ist mir mit den Tarifen zu umständlich. Ich habe sozusagen ein Face-to-face-social-network-Paket und treffe mich einfach so und persönlich mit Freunden.“
Ich lege auf: jemand, der sich noch persönlich mit anderen Leuten trifft, ist mir suspekt und mit dem möchte ich auch nichts zu tun haben.

„Persönlicher Kontakt“… vielleicht sogar noch mit Händedruck zur Begrüßung oder was?
In welcher Zeit lebt die dumme Nuss eigentlich?

Donnerstag, 14. Juni 2012

Tag 6: H-Day

Es ist kalt in Deutschland. Kalt und unangenehm, Der Wind treibt die Regenschauer über verödete Strassen. Es ist H-Day. Holland-Tag.

Gut, dass meine Frau den Doppelschirm für zwei Personen mit echtem Perlmut-Griff bestellt hat, so kann ich den in die Ecke stellen, weil ich sowieso nicht ´rausgehe. Stattdessen ist vorhin die Cheerleaderin eingetroffen, die meine Frau netterweise für das heutige Spiel bestellt hat., mit schwarz-rot-güldenen Pompons. Sie hat auch so Anfeuerungssprüche drauf wie „Mit Jogi Löw und Miro Klose geht die EM nicht in die Hose, wer wird Meister, ist doch klaa, Deutschland-Allemania“ oder auch „wir haben Lahm und Ihr habt Robben, drum werden wir Euch Deppen stoppen“, nicht so gut fand ich allerdings „Das war wohl ein Griff ins Klo, im Sturm spielt Gomez Mario“.

Als Vorgruppe des heutigen Spiels simulieren die Portugiesen mit den Dänen so etwas wie ein Fussballspiel. Die Dänen haben einen Sieg, die Portugiesen eine Niderlage auf dem Buckel. Dies bedeutet, dass wenn die Portugiesen heute unentschieden spielen, dann müssten die Dänen im letzten Spiel verlieren, damit die Holländer gegen die Portugiesen gewinnen, sofern sie heute verlieren. Wenn aber die Dänen durchsetzen, dass die Regel „drei Ecken gibt einen Elfer“ ab heute, 20.45 Uhr gilt, dann würde das bedeuten, dass Deutschland wenigstens im Elfmeterschiessen nach Verlängerung nicht Lukas Podolski an den Ball lassen darf, weil der schlechter Elfer verwandeln kann, als Robben, wobei er eigentlich alles nur schlechter als Robben kann und ich mich frage, was Jogi Löw geritten hat, diesen Ruhrpottparaolympioniken ausgerechnet nach Polen mitzunehmen, vielleicht hofft er ja, die behalten ihn da – aber jetzt bin ich abgeschweift in die Fussballarithmetik, entschuldigung.

In jedem Fall beginnen die Portugiesen so, als wären sie eine der Fussballmannschaften, die man bei diesem Turnier auf dem Schirm haben sollten und spielen netten und ansprechenden Fussball – oder das, was sie dafür halten. Für die erschrockenen Nordmannen, die wie die sprichtwörtlichen Nordmanntannen herumstehen, ist das eine böse Überraschung und sie kassieren aus Unfähigkeit und Entsetzen nach 24 Minuten (immerhin!) das 1:0.

Für die Dänen ist das jetzt eine Aufforderung. Leider hören sie diese nicht und die Portugiesen machen gut gelaunt nur 12 Minuten später das 2:0.

Den Portugiesen reicht das. Den Dänen reicht es jetzt. Während man sich in Portugiesien schon mit Häppchen und Käseigeln geistig auf die Halbzeit einstellt, macht irgendein Däne, keiner weiss wie, den Anschlusstreffer und es geht mit einem charmanten 2:1 in die Pause.

In der Halbzeit gibt der portugiesische Trainer die Parole „GEWONNEN“ aus und die Portugiesen ziehen sich infolgedessen selbstzufrieden in die eigene Hälfte zurück und selbst wenn sie auf Konter lauern sollten, so sieht man das nicht. Das ist jetzt etwas bräsig aus, Ronaldo nimmt eine warme Mahlzeit zu sich und die armen Dänen zappeln sich einen weg. Höhnisch vergeben die Portugiesen, wenn sie schon gelegentlich vors dänische Tor kommen, Großchancen en gros.

Bis zur 80sten Minute: da mogelt sich der kleine Däne Bendtner in einem unbeobachteten Moment zwischen ein paar portugiesische Abwehrspieler (das sind zu diesem Zeitpunkt 10 Mann) und locht zum Ausgleich ein.

Alles wieder offen.

Schade. Für die Portugiesen. Die ja schon gewonnen hatten. Jetzt rennen plötzlich beide Mannschaften wie die Gestörten, bis der portugiesische Trainer die ´nauze voll hat und einen No Name namens Varela einwechselt. Und weil der noch frisch ist, ist er auch ungestört und macht 7 Minuten nach dem Dänentor das 3:2. Das ist ungerecht, das ist Pech und das ist ärgerlich für die Dänen. Die Portugiesen holen am tragischen Schluss 3 Punkte.

Und Olli kahn kritisiert in der Spielpause Ronaldo, weil nicht der getroffen hat, die Flasche.

Danach das Kracher-Spiel des heutigen Abends: Geheimtipp Holland gegen Offizielltipp Deutschland, ein Fussballleckerbissen, ein ewiges Duell, eine ewige Rivalität, Orange gegen Schwarz/weiß, das ist Völler gegen Rijkjard (oder wie der Idiot geschrieben wurde), das ist WM 1974 und das ist – nun ja – etwas krampfig.

Gomez, die alte Flasche, die viel geweint hat wegen Frau Scholl, spielt von Anfang an das was, was er kann, nämlich gut aussehen und beide Mannschaften beginnen nervöser als ein Selbstmordattentäter, der in Badehose ein Schwimmbad sprengen will. Löw vertreibt sich die Zeit mit Kaugummi-Kauen und Balljungen ärgern, weil sich auf dem Platz nichts tut. Klar, ist ja auch Gomez im Sturm und Podolski auf dem Platz.

Das ändert sich in der 24sten Minute. Robben hatte soeben den dritten Ballkontakt und scheint, Gewohnheit ist Gewohnheit, Schweinsteiger den Ball zugepasst zu haben, der schiesst einfach mal drauf los, trifft den unglücklichen Gomez und der macht das 1:0. Tooooooor. Erste Silvesterraketen steigen auf, in der Ferne ist ein himmlischer Chor zu hören und mein Nachbar dreht das „Halleluja“ von Händel (nicht „Hendl“, wie fälschlicherweise oft geschrieben wird) bis zum Anschlag auf. Gomez, der Suoertyp, Gomez der Held, Gomez Fussballgott. Im ARD-Studio wird Scholl mit vereinter Kraft daran gehindert, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Aber damit nicht genug!

Plötzlich sieht es tatsächlich so aus, als wollten unsere Jungs das Spiel gewinnen und die erstaunten Niederländer sehen plötzlich Deutsche im Vorwärtsgang und schneller als Schrittgeschwindigkeit. Um das zu verhindern, werfen sie gelegentlich ein paar deutsche Spieler um, aber während 50% der Deutschen noch am Boden liegen, haben sie vergessen, Schweinsteiger und Gomez umzuwerfen und ausgerechnet die beiden machen in trauter Zweisamkeit das 2:0. Gomez, der Fussballgott, der Held der Helden, der Franz Beckenbauer der Nationalmannschaft, der Mann mit dem Fuße Gottes locht zum zweiten Mal ein. Klose beginnt, sein Trikot zu fressen, Mehmet Scholl wird erwischt, wie er sich an einem Balken im Studio zu erhängen versucht und aus der orangenen Resignation wird Verzweiflung. Ich habe ja immer an Gomez geglaubt. Immer!

Alleine: die Holländer haben es heute eher rustikal als spielerisch. Aus Zorn wird gefoult, was die Beine hergeben, getreten wie auf der Kneipp-Kur, nur Torschüsse – die sind rar. Die deutsche Verteidigung ist besser als die Heeresgruppe Kurland ´45 und die Holländer laufen sich ein- ums andere Mal fest.

So ein Lullenfussball schlaucht mit der Zeit. Und so versinken Jogis Jungs gegen Ende der Partie in einer kleinen Lethargie, was der Holländer Van Persie dreckig ausnutzt und 17 Minuten vor Schluss den Anschlusstreffer erzielt. Mit einem bösen Grantenschuss aus der Distanz.

Jetzt wird es noch einmal eng. Die Deutschen (außer Podolski, an dem die Partie mal wieder vorbeiläuft, irgendwie habe ich das Gefühl, die schneiden den da) rennen in Richtung holländisches Tor, jetzt nicht noch den Ausgleich fangen. Und so werden es noch sehr lange 17 Minuten, bis es mal wieder heißt: am Ende gewinnt Deutschland.

Oliver Kahn wird Kathrin Müller-Dingens nach dem Spiel fragen, was Gomez so weit hinten macht, er soll sich gefälligst in der Spitze aufhalten und redet damit das direkte Gegenteil von Scholl, der sich beschwerte, dass sich Gomez zu wenig um Aushilfe in der Abwehr bemüht. So viel zum Thema „Experten“.

Prügeln wir also ab jetzt auf Podolski ein, die alte Flasche.

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn Mehmet Scholl sagt „die Impulse müssen aus dem Mittelfeld kommen“.

Dienstag, 12. Juni 2012

Tag 5: Noch ist Polen nicht ganz verloren. Aber fast!

Ich bin wirklich überrascht, was man in Home-shopping-Kanälen bestellen kann. Zum Beispiel kam heute ein Gartengrill an, in dem ich mich später mal selbst kremieren kann, eine Hitler-Puppe mit Echthaar aus Taiwan, dann haben wir anscheinend einen Urlaub im aserbeidschanischen Hinterland gebucht (Mithilfe bei der Ernte fakultativ, nicht obligatorisch) und wo ich den Kampfhubschrauber russischer Baurt hinstelle, weiss ich auch noch nicht. Aber wenigstens ist mein blöder Nachbar neidisch.

Hansi Flick hat Sprechverbot. Heute soll er beim Frühstück gesagt haben, die Deutschen müssten die Holländer mit bedingungslosem Gehorsam und fanatischem Willen angreifen und deren Strafraum besetzen, Gott sei auf der Seite der stärkeren Sturmspitzen. So etwas darf man aber nicht sagen. Das ist fast so schlimm, wie Gomez das Wundliegen ersparen zu wollen. Fast.

Heute Abend ja im ersten Spiel ein absoluter Fussballleckerbissen in der Todeslangweilergruppe A: der nachwievor geheime Geheimtipp Griechenland gegen den noch streng geheimeren Geheimtipp Tschechien, die wirklich etwas reissen können, wenn sie gegen Mannschaften wie Luxemburg oder Vatikanstaat spielen. Von den Russkis haben sie aber eine auf den Sack gekriegt, dürften also dementsprechend motiviert sein.

Und das sind die Tschechen auch. Nach 3 Minuten, die Griechen griechen noch auf ihre Positionen, rauscht es zum ersten Mal im griechischen Tor. Und während die Griechen noch mit dem Schiri diskutieren, warum sie das jetzt irgendwie nicht so gut finden, zappelt der Ball schon wieder im griechischen Fischernetz.

Das ist doof. Für die Griechen. Und das Spiel.

Denn die Tschechen beschliessen jetzt, ihre Mitarbeit an der EM2012 einzustellen und stellen sich nur noch nach hinten und zeigen hervorragendes Stellungsspiel. Die Herren aus Hellas müssen nun plötzlich arbeiten und sie rackern auch, aber eben genau so, wie sie „rackern“ verstehen, deswegen kommt bis zur Halbzeit auch nichts zusammen.

In der Pause ruft Frau Lagarde den scechischen Torwart Tschech in der Kabine auf dem Handy an und bittet um Gnade für die armen Griechen, die ja außer Fussball nichts mehr haben. Peter mit der Zipfelmütze tut ihr den kleinen Gefallen und lässt nach der Pause beim Fangen mal einen Ball für einen griechischen Stürmer durch, der vor Schreck den Ball zum Anschlusstreffer verwandelt.

In Griechenland keimt Hoffnung auf, das kennen sie von ihrer Staatskrise. Und ebenso hier wie da wird diese Hoffnung enttäuscht werden. Die Griechen wollen zwar, können aber nicht, die Tschechen könnten, wollen aber nicht mehr. Die Hellenen zeigen zauberhaften Kombinationsfussball, sie kombinieren nämlich, dass hohe Bälle in den Rücken der griechischen Abwehr noch zum Ausgleich führen, leider vergessen sie dabei, da irgendwo auch Stürmer zu platzieren und so bleibt es bei einem sicher berechtigten, aber irgendwie langweiligen und unspektakulären 2:1 für den größeren der beiden Fussballzwerge. Die Hellenen können schon mal Koffer packen. Sie waren aber auch, das muss man fairerweise sagen, in der Slawengruppe ein echter Exot.

Der eigentliche Kracher folgt aber erst danach: Geheimtipp Polen gegen Geheimtipp Russland. Ein Leckerbissen für Fussballfans, wenigstens, wenn man auf bäuerliche Hausmannskost steht. Die Ausgangslage jedenfalls ist klar: 11 hässliche Polen spielen gegen 11 hässliche Russen.

Polen gegen Russland, das ist immer Kampf, das ist immer Leidenschaft, das ist immer Herzblut, das ist immer ganz große Kacke.

Die Polen machen mit den Russen zu Spielanfang das, was sie auch in der EU machen: sie stören früh. Nur leider sind die russischen Spieler in einem Alter, in dem man sich von Jüngeren eben nicht mehr unbedingt stören lässt und so werden die Russkis erst dann etwas aktiver, als die Polen mangels spielerischer Qualitäten den Ex-Sowjets die Gehhilfen wegtreten. Zu allem Überfluss hat die UEFA einen feinen Sinn für Ironie beweisen, als sie ausgerechnet einen deutschen Schiedsrichter das Spiel pfeifen lässt, der sich somit den Hass des kompletten ehemaligen Warschauer Paktes zuzieht und man darf auf geharnischte diplomatische Noten gefasst sein, sollte einer der beiden Mannschaften ein fälliger Elfer verweigert werden.

Wie auch immer, die Russen spielen heute spöttisch und mit angezogener Handbremse, was gegen die erschreckend schwachen Polskis immer noch zu einem 1:0 nach einer Standardsituation reicht.

In der Pause jedenfalls scheint der polnische Träner seinen Schützlingen erklärt zu haben, dass es irgendwie nett wäre, wenn sie bei einer EM im eigenen Land wenigstens die Vorrunde überstehen würden und außerdem die Fans wüssten, wo ihre Häuser stehen, denn nachdem die Toten und Schwerverletzten beider Seiten von den Rängen entfernt wurden, kommen unsere slawischen Nachbarn mit neuem Effet auf den Platz, der im Moment noch den Namen „Platz der Schande“ trägt.

Die Russen haben das jedenfalls unterschätzt oder sie wollen einfach nur nett sein: während St. Petersburg eine Großchance nach der anderen verdaddelt und abgibt, wo Direktschuss notwendig wäre und direkt schiesst, wo eine Abgabe sinnvoll gewesen wäre, machen die Polski irgendwie und mit einem ausnahmsweise schönen Tor den Ausgleich. Danach wird es etwas dramatisch, weil sich beide Mannschaften gegenseitig von den Beinen holen und gelegentlich auch einen Knäuel bilden und nur dem beherzten Eingreifen des deutschen Unparteiischen (kicher) ist es zu verdanken, dass kein Notarztwagen aufs Feld muss.

Es bleibt beim 1:1 und beide Mannschaften haben noch gute Chancen, in die nächste Runde zu kommen, weil wohl niemand mit klarem Verstand damit rechnet, dass ausgerechnet die Griechen die Russen schlagen und noch Hoffnung besteht, dass die Tschechen gegen die Polen wie gegen die Russen spielen.

Eine persönliche Anmerkung: sollte ich jemals Diktator von Deutschland werden, werde ich Waldi Hartmann und Matze Knob zwingen, sich „Waldis EM-Club“ 7 Tage in Endlosschleife anzusehen.

Schalten Sie also auch morgen wieder ein und hören Sie Mehmet Scholl sagen „es ist nicht die Aufgabe eines Verteidigers, Tore zu machen“.

Montag, 11. Juni 2012

Tag 4: Freundschaftsspiele


Die ersten Bestellungen meiner Frau vom gestrigen Tage trafen heute ein. Ein Zwiebelschneider, der auch Beton schneidet, ein Messerset, mit dem man auch Sofakissen aufschlitzen kann und ein Kirschkernkissen, auf dem man wunderbar schläft, aber nur, wenn man tot ist. Ich bin gespannt, was noch kommt.

Große Aufregung in Deutschland. Mehmet „Fußball ist ein Mannschaftssport“ Scholl hat Mario „was wollt ihr, ich hab doch getroffen“ Gomezziemlich übel beleidigt, weil er ihn vor dem Wundliegen beschützen wollte. Das nehmen dem Mehmet ziemlich viele Medien krumm, vor allem diejenigen, die „Supermario“ in den Titel setzen, wenn der zufällig in einen Ball fliegt. Merke: success counts, egal wie.

Aber kommen wir zum Knallerspiel des heutigen Abends: der Geheimfavorit Frankreich gegen den Geheimfavoriten England. Die Franzosen sind ja dafür bekannt, keine Lust mehr zu haben, wenns schief geht, während die Engländer dieses Jahr ausnahmsweise mal ihre Mannschaft nicht über den grünen Rasenklee loben, weil ihre Deppenwalze Roooooooney gesperrt ist. Wir dürfen also ein Knaller-Spiel erwarten.

Eigentlich.

Aber, sagen wir es so: wenn Fußball die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, dann sehen wir hier zwei Verbündete miteinander und nicht gegeneinander spielen. So eine Art „Entente Cordiale“, einen Nichtangriffspakt, ein herzliches Einvernehmen, ja, eine Freundschaft gar. Anders ausgedrückt: ich habe noch nie ein Fußballspiel gesehen, das im Gehen geführt wurde.

Sicher, die Engländer machen versehentlich in der 30sten Minute das 1:0, aber beiden Mannschaften ist dieser Zufallstreffer derart peinlich, dass sie den Franzosen, die deswegen viel geweint haben, nur 9 Minuten später das 1:1 gönnen. Und nachdem es nicht gegen Deutschland geht, sind beide Mannschaften recht zufrieden damit. Der Einzige, der die Ruhe gelegentlich stört, ist Ribery, den wohl niemand informiert hat, dass heute „Dabeisein“ alles ist und weitere peinliche Tore unerwünscht sind.

Nur so ist es zu erklären, dass der kleine hässliche Franzose, der in einer feindlichen deutschen Mannschaft als Legionär dient, keine Anspielstationen findet, die am Ende vielleicht noch das Bild eines unfähigen Torwarts im englischen Tor offenlegen könnten, denn was der englische Keeper zu bieten hat, wäre bereits in der dritten deutschen Liga ein Entlassungsgrund – und zwar für jeden Feldspieler, so er im Tor Vertretung machen müsste. Der italienische Schiedsrichter gerät nur dann in haarige Situationen, wenn er ein französisch-englisches Liebespärchen auf dem Rasen unterbrechen oder irgendwelche wilden Knutschereien unterbinden muss. Ansonsten tut sich nicht viel. Beide Mannschaften schlendern im warmen ukrainischen Sommer über den Platz und betreiben Fußball als das, was er ist: die schönste Nebensache der Welt. Zumal bei einer EM.

In der Pause wird Kathrin Müller-Dingenskirchen hinter der Kamera Olli Kahn fragen, ob er das Spiel auch so endgeil wie sie findet und Olli wird „zweimal nein“ antworten.

Nach schier endlosen 90 Minuten jedenfalls geht die französisch-englische Freundschaft zuerst in die Kabine und dann zusammen ins Kino, wo sie Händchen halten und sich mental auf ein Treffen mit den bösen Deutschen vorbereiten. Auf die Frage meiner Frau „guckst Du Fußball?“ habe ich jedenfalls wahrheitsgemäß mit „nein, einen Liebesfilm“ geantwortet.

Dementsprechend gruselt es mich auch vor dem zweiten Knallerhammerspiel des Abends: der Geheimtipp Ukraine gegen den noch viel geheimeren Geheimtipp Schweden. Der Bär trifft den Elch, der Mongole trifft den Wikinger, gelbe Trikots treffen auf gelbe Trikots.

Wer nun erwartet hat, dass das ein langweiliges und hilfloses Spiel wird, der wurde nicht enttäuscht. Vielleicht liegt es daran, dass man die Fans, die alle einheitlich in Gelb gekleidet sind, nicht auseinanderhalten kann, vielleicht sind die Ukraianer und die Schwedianer von den gelben Schärpen in den blauen Trikots der alten Schweden irritiert, es tut sich nichts. In den ersten 5 Minuten tasten sich die beiden Langweiler noch ab, in den anderen 40 Minuten tun sie das auch.

Es ist ja nicht so, dass das Kanonenfutter da unten ohne Herz spielen würde, nur leider ist es anscheinend das Herz von Synchronschwimmern und nicht von Fußballern. Ich gebe gerne zu, dass ich ein wenig eingenickt bin und mich nur die Feststellung von Olli „ich kahn nicht mehr“, „die Mannschaften würden sich abtasten“ aus meinem erotischen Traum geweckt hat.

Allerdings haben wohl die Trainer beider Mannschaften ihren Gelbsüchtigen in der Pause erklärt, dass, wenn sie es schon nicht gegen so einen drittklassigen Gegner wie den derzeitigen packen, es gegen England und Frankreich so ein ganz kleines bisschen noch viel schwieriger werden könnte, hier bei der EM weiterzukommen.

In jedem Fall regt sich nach der Halbzeit so etwas wie intelligentes Leben auf dem Platz, denn zuerst dürfen die Schweden ein Tor schießen, danach die Ukrainier zwei davon. Nach 90 Minuten und einer Nachspielzeit, die den sich abwechselnd auf dem Boden windenden Memmen gewidmet ist, endet eine sehr – nennen wir sie nett: „durchwachsene“ - Partie mit einem nicht unverdienten aber auch nicht verdienten Sieg der Ukraine über die entsetzlich bemitleidenswert spielenden Schweden und ich frage mich, warum die UEFA darauf besteht, eine EM ausgerechnet in Ländern auszurichten, deren Nationalmannschaften an besseren Tagen Pausenfüller und Sparringspartner für ernsthafte Teams sind. Was kommt als Übernächstes? EM in der Türkei oder in Albanien oder San Marino?

Insgesamt war der heutige Spieltag so spannend wie eine Kerner-Show. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn Mehmet Scholl solche Sätze sagt wie „das Spiel wird anhand der Tore entschieden“.

Sonntag, 10. Juni 2012

Tag 3: kleine Italiener


Als ich vom Feiern des überragenden deutschen Sieges über diese schwache $%&§/ portugiesische Mannschaft nach Hause kam und mein Mario-Gomez-Gedenkaltärchen aufgebaut hatte, fand ich meine Frau mit glasigen Augen vor dem Home-Shopping-Europe-Sender, vor dem ich sie leichtsinnigerweise alleine gelassen hatte, weil da keine EM-Berichterstattung lief. Na, das kann was werden. Sie kann sich an nichts erinnern. Ich habe sie vor den heutigen Spielen sicherheitshalber ans Bett gefesselt, damit sie nicht stört.

In ganz Deutschland herrscht heute eine Stimmung der Genugtuung. Ja, es war Rumpelstilzchenfussball der Deutschen, das war nicht hübsch anzusehen und die Portugiesen waren irgendwie besser. Nur haben wir eben Super-Mario und Boateng war Ronaldo eben näher als Schina-Lisa und hat ihn weitestgehend neutralisiert. Wie das die komplette Nationalelf mit Mario Gomez auch gemacht hat. Und wir haben das berühmte eine Tor mehr. Ätsch.

Heute spielen ja der Geheimtipp Spanien gegen den Geheimtipp Italien. Die Spanier sind ja bekannt für ihr begeisterndes Kurzpassspiel, das in Spanien auch „tiki-tiki“, im Rest Europas einfach „Generve“ genannt wird, während die Italiener in der Regel für einen 10er Abwehrblock und großartige artistische Falleinlagen sowie hervorragende schauspielerische Leistungen bekannt sind. Der spanische Stier trifft das italienische Oppossum, Paella meets Pizza.

Die Italiener gehen durch einige Wettskandale und Haftbefehle ja vorbelastet in dieses Match, keiner weiss, was sie von den Spaniern für eine eventuelle Niederlage bekommen haben und wie hoch die Schecks der einzelnen Spieler waren. Von daher erwartet uns durchaus eine spannende Partie.

Die Spanier legen wie gewohnt mit ihrem „klein-klein“ los und entnerven die Italiener ab der ersten Minute, die zwar viel laufen dürfen, dafür aber keine Bälle bekommen. Immerhin aber kämpfen die Italiener heute weniger mit interessanten Fallstudien, sondern viel mehr so, wie man das aus den Slums von Neapel kennt: zu Dritt auf einen, weswegen auch sämtliche Versuche der Spanier, den Ball regelgerecht ins gegnerische Tor zu tragen, schlicht an der eigenen Unfähigkeit scheitern, einen Ball weiter als vier Meter zu passen.

Zur Halbzeit ziehen sich beide Mannschaften leicht enerviert und etwas gefrustet in die Kabinen zurück, die Italiener vergleichen ihre Schecks, die Spanier handeln die Konditionen für die Refinanzierung der gezahlten Gelder aus.

Irgendwie neutralisieren sich beide Mannschaften gegenseitig. Bis zum gegnerischen Strafraum geht’s vorwärts, danach fliegt der Ball irgendwohin, bestenfalls noch zum Gegner. In der 64sten Minute erfährt di Natale, der nicht in der Stammformation spielt, sondern nur so ein Eingewechselter ist, dass er kein Geld bekommen hat und locht in einem unbeobachteten Moment das 1:0 für Italien ein, woraufhin seine Mannschaftskandidaten so sauer auf ihn sind, dass sie den Spaniern nur vier Minuten später den Ausgleich gönnen.

In der Folge geben sich zwar beide Mannschaften redlich Mühe, aber es rächt sich eben, dass die Spanier keine Stürmer und die Italiener einen Torwart mitgenommen haben und so scheitern die Spanier immer wieder an den Italienern und die Italiener an sich selbst und man trennt sich mit einem freundschaftlichen 1:1, was den Sieger des nächsten Spieles zum Gruppenersten machen wird. Spanien wird als Titelfavorit auf BBB zurückgestuft.

Im zweiten Spiel des Abends trifft der Geheimtipp Irland auf die Kroaten, die in informierten Kreisen als Geheimtipp gelten. Robuste englische Treter gegen robuste Balkantreter, beide nicht zimperlich, was die Gesundheit des Gegners angeht, wir dürfen also ein im wahrsten Sinne des Wortes kampfbetontes Spiel erwarten.

Die Kroaten können an guten Tagen ein unangenehmer Gegner sein, an schlechten Tagen sind sie es auch und während die als biedere und solide Fussballhandwerker bekannten Iren noch kontrollieren, ob wirklich alle Kroaten die Springmesser am Kabinenausgang abgegeben haben, machen die derweil das 1:0. Das ist ärgerlich für die Iren, weil die sich dank ihres Trainers Trappatoni darauf eingestellt hatten, kein Tor zu kassieren und nicht, eines zu schiessen.

Während in Villa Croatia aber noch gefeiert wird, trifft irgendeine glücklicher Ire zum Ausgleich, was wiederum die Kroaten kränkt. In der Folgezeit versuchen die armen Iren, verzweifelt das Ergebnis zu halten, haben den heute erfrischend frisch auftretenden Kroaten aber wenig entgegenzusetzen ausser den eigenen Körpern. Und so kegelt sich dann auch der Kroate Jelavic eher versehentlich zum 2:1 kurz vor der Pause durch einen gerade für die Iren erstaunlich unglücklichen Fehlpass.

In der gleich folgenden Pause dann schmachtet Kathrin Müller-Dingenskirchen (im Familienjargon auch „dumme Nuss“ genannt) dann Olli „Mann, ist das 'ne Wurst“ Kahn derart offensichtlich an, dass ich befürchte, Schina-Lisa und Scherom waren nur das Vorspiel zu einer der sexuellsten EM ever.

Nach der Pause bleiben die Iren am Ball, den meist die Kroaten haben und weil der Torwart der Iren heute für die Mannschaft den Kopf hinhält, macht er zu allem Überfluss ein erst recht unglückliches Tor für Kroatien, als der Ball von seinem Quadratschädel ins Tor bringt. Erstaunlich unglücklich, der Spielverlauf bis dahin.

Die Iren zappeln sich mangels spielerischer Mittel durch, milde von den Kroaten belächelt, und als ein kroatischer Spieler verletzt auf dem Rasen liegt, tun die Iren so, als wäre das normal und schiessen auch nicht den Ball ins Aus. Gut, wahrscheinlich kann man sich mit einem 3:1 gegen sich auch keine Höflichkeiten leisten, dafür verweigert ihnen der Fussballgott dann auch einen eigentlich fälligen Elfer und sorgt mal wieder für ausgleichende Gerechtigkeit. Auf jeden Fall begnügen sich die nach dem 3:1 deutlich entspannten Kroaten damit, harmlose irische Spieler umzuschubsen, die sich hilflos um den Anschlusstreffer bemühen und man darf nach dem Schlusspfiff gespannt sein, wie sich die Kroaten, die jetzt lustigerweise Gruppenerster sind, gegen einen seriösen Gegner schlagen werden.

Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn Kathrin Müller-Hohenstein Olli Kahn fragt, womit er schon beworfen wurde und ob er auch ihre Bälle halten kann.

Samstag, 9. Juni 2012

Tag 2: Dänlicher geht es fast nicht

Die Geschichte mit meiner Frau und der Kreditkarte zeigt erste Konsequenzen. Da sie sehr sparsam ist, hat sie die 20 Paar Schuhe im Räumungsverkauf organisiert und dabei irre viel Geld gespart. Ich bin ein wenig stolz auf sie und habe sie wegen heute Abend zusammen mit den Schuhen in den Heizungskeller gesperrt (mein österreichischer Nachbar gab mir den Tipp) und durch die Stahltür hört man ihr Wimmern nur ganz leise.

Gewimmert wird heute auch in der obersten deutschen EM-Leitung. Hansi Flick hat sich für das Wort „Stahlhelm“ entschuldigt (er schlug mit dem Kopf an die Wand und wälzte sich vor den polnischen Journalisten im Staub und zeigte die Kehle), weil das in Polen Autobahn ist und Löw muss seine Pressestatements künftig der „Genehmigungsstelle für ethisch saubere und einwandfreie Formulierungen unter Berücksichtigung der unsäglichen deutschen Vergangenheit im Fussball und auch sonstwo“, kurz GfesueFuBdudViFuas vorlegen, die ihm aus seinem heutigen Bulletin den Satz „mir gehe ausch dem Laga högscht konzendrierd in desch heudige Schbiel“ aus völlig unerfindlichen Gründen herausgestrichen hat. Dringelassen haben sie den Satz „Ob de Scherom schbielt, weisch isch noch ned, des kommet drauf oi, ob er mir von den Schina-Lisa de Handynummer gebet“.

Im ersten Spiel des heutigen Abends stehen sich ja der krasse Aussenseiter Holland, der seit 1974 stets als Geheimtipp gilt und der krasse Aussenseiter Dänemark, der eigentlich immer als Geheimtipp gilt, gegenüber. Man darf gespannt sein, ob sich die Dänen, die zu Hause den Spitznamen „die Dänen“ haben, mit der Spielweise der Holländer, die zu Hause den Spitznamen „Eftal“ oder „Oranjes“ oder „Versager“ tragen, zurechtfinden werden. Die Holländer sind ja bekannt für das Blockieren der rechten Autobahnspuren mit Wohnwagenanhängern, die Frage bleibt, ob ihnen das für den heutigen Abend ausreichen wird, um die munteren Dänen zu dänmütigen.
In jedem Fall sieht man bereits ab der ersten Minute, dass es die Holländer ziemlich ernst meinen. Die Dänen kommen sich nach bereits zwei Minuten wie Slalomstangen für unsere orangenen Banknachbarn vor. Hier lässt van Percy zwei Dänen stehen, da ein netter Hackentrick von Robben, dort ein begeisterndes Dribbling van von Bommel und da drüben ein Flankenwechsel mit eingesprungenem Rittberger und einem Doppelaxel. Mit anschliessendem Rückpass an den niederländischen van Torwart, weil es die Netherlanders spannend machen wollen. Das alles sieht sehr schön und gefällig aus und ich mache eine Ein-Mann-La-Ola-Welle auf der Couch nach der anderen. Fussballspielen können sie, die Niederländer.

Die armen Dänen werden regelrecht schwindlig gespielt, bis schliesslich ein- zwei Leutchen da der Kragen platzt: ein schnörkelloser Doppelpass, ein Torschuss und die Dänen führen 1:0. Das war nicht schön, das war nicht schick, das war nicht einmal sonderlich raffiniert. Nur effektiv.

Zu weiteren Torchancen kommen die Dänen nicht, zu sehr drücken die Holländer auf die Dänendrüse und man sieht, wie hervorragend sie ihr James-Bondscoach aufgestellt hat und welche Tricks er ihnen beigebracht hat. Und ginge es um pure Fussballschönheit, die Holländer wären bereits Europameister. Nur leider geht es nach Toren. Und da haben die Dänen einen kleinen Vorsprung. Es bleibt beim 1:0 und in Amsterdam und dem Umland fliessen bittere Dänen.

Aber zum Hauptspiel des deutschen Abends: Deutschland gegen Portugal. Die Portugiesen sind natürlich Geheimfavorit, denn sie haben Ronaldo, was normalerweise locker reichen würde, hätte er nicht zehn weitere Mitspieler. Deutschland ist hier als offizieller und ganz unheimlicher Titelfavorit natürlich krasser Aussenseiter.

Zum Spiel dann selbst: ich weiss nicht, wer die Parole ausgegeben hat, unsere Mannschaft wäre auf „Titel2012“ in irgendeiner Weise geeicht. Was wir zu sehen bekommen, ist ganz großer Fussball, verglichen mit den Leistungen der deutschen Nationalmannschaft 1976.

Im Vergleich mit 2010 spielen die Deutschen wie Gehbehinderte, was sich Özil und Khedira leisten, grenzt schon an Vaterlandsverrat. Es ist ja nicht so, dass Özil keine genialen Pässe spielen würde, nur landen die alle bei den Gegnern. Das Highlight in der ersten Halbzeit ist bezeichnenderweise Löws Suche nach lästigen Popeln. Zum Glück für Jogis „Turniermannschaft“ sind die Portugiesen nicht viel besser und nur einem Niesser von Gomez in der 70sten Minute ist es zu verdanken, dass irgendjemand Notiz von ihm nimmt und ihm auch mal einen Ball zukommen lässt, den Gomez heute ausnahmsweise mal im gegnerischen Tor unterbringt, nachdem Löw quasi als Drohung und Menetekel schon den betagten Miro Klose am Seitenrand hat herumhumpeln lassen.

Der Rest ist arger Krampf und Quark und ich drücke 5,- € ins Phrasenschwein, dass wir ja „eine Turniermannschaft“ sind. „Die Mannschaft hatte Leidenschaft“ wird Mehmet Scholl danach sagen, ich sehe nur viel Leiden und wenig Geschaff. Immerhin sind sie alle unverletzt geblieben.

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn Mehmet Scholl sagt „man muss für Tore nach vorne spielen“...